Eingekeilt zwischen Kostendruck von KonsumentInnen und Handel, bleibt der konventionellen Landwirtschaft für Tierfreundlichkeit oft kein Spielraum. Doch wären alle tatsächlich bereit, den echten Preis für ökologisch produzierte Produkte zu bezahlen?


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In der Agrar-Fachzeitschrift „Der fortschrittliche Landwirt“ (Stocker-Verlag) fand sich diese detaillierte Kalkulation für einen Bio-Hühner-Mastbetrieb, zusammengestellt von „Bio-Austria“, dem größten österreichischen Bioverband.

Hintergrund der Kalkulation ist eine Serie über Möglichkeiten ökologischer Landwirtschaft in Zeiten steigender Futterpreise und schwankender Einkommen. Grade der Mast-Bereich unterliegt einem starken Kostendruck, sind doch Fleisch-Aktionsangebote ein beliebter Lockartikel in Supermärkten. „Bio“ lockert diesen Kostendruck, für ökologische Lebensmitteln sind VerbraucherInnen bereit freiwillig mehr zu zahlen. Dem gegenüber stehen höhere Ausgaben aufgrund tierschutzrechtlicher Bestimmungen und Tierrassen-Wahl. Kostenfaktor ist aber vor allem die längere Mastzeit und das teure Bio-Futter, darf man als Bio-Betrieb selbstverständlich nur ebensolches verfüttern.

Kurz gesagt: Es rechnet sich. Wenn effizient gewirtschaftet wird und wenn – ja , wenn – der Schlachthof pro Bio-Huhn auch 6,15 Euro netto zahlt. Addiert man überschlagsmäßig noch 15% für Schlachthof und Transport*, sowie minimale 5% Handelsspanne für den Supermarkt und die Mehrwertsteuer (10%), ergibt dies einen Endkundenpreis von mindestens 8,5 Euro.

Mit diesen Zahlen erscheint es komplett abwegig, wie ein normales Backhendl für 3 Euro verramscht werden kann. Für den Bauern bedeutet dies weniger als 2,2 Euro pro Masthuhn – unter diesen Preisdruck ist auch mit viel gutem Willen und günstigen konventionellen Futtermitteln eine tierfreundliche Mast schlicht unmöglich, trotz AMA-Gütesiegel.

Schwarzer Peter Tierhaltung

Sucht man die Schuld an dieser Misere, schieben Landwirtschaft, Handel, Politik und VerbraucherInnen den schwarzen Peter sich gerne gegenseitig zu. VerbraucherInnen hätten schon gerne glückliche Tiere, allerdings darf es nicht mehr kosten, Landwirte gerne einen ordentlichen Preis für ihre Produkte, den der Handel aber nicht zu zahlen bereit ist. Der Handel wiederum verweist auf die Preissensibilität der VerbraucherInnen, die bei höheren Preisen sofort zur Konkurrenz gingen. Und die Politik wiederum ist eingekeilt zwischen den einzelnen Interessensvertretungen. Innerhalb regionaler Grenzen gibt es auch nur beschränkten Handlungsspielraum, rechnet es sich doch schon bei wenigen Cent Kostendifferenz, Nahrungsmittel quer durch Europa   oder gar weltweit   zu transportieren.

Völlige Untätigkeit darf man keinen der Beteiligten vorwerfen: Tierrechtliche Bestimmungen wurden in den vergangenen Jahren auch für Nicht-Bio-Betriebe deutlich verschärft (zB. Käfighaltung bei Hühnern, Anbindehaltung bei Rindern), die Landwirtschaft entdeckt das Feld der Öffentlichkeitsarbeit um sich gegen den oft grundlos erhobenen Vorwurf der  „Tierquälerei“ zu wehren und der Handel versuchten über höherpreisige Bio-Angebote ökologisch orientierte VerbraucherInnen zu erreichen. Bio wächst tatsächlich – ist aber noch weit davon entfernt zum Standard zu werden. Denn ob in Chicken-Wings oder Hühner-Sticks: Tierprodukte stecken auch in Fast- und Convenience-Food der fleischverarbeitenden Industrie, bei der Bio noch nicht einmal ein Nischendasein erreicht hat.

Irrglaube: Der Verbraucher soll alles zahlen!

Gesamtgesellschaftlich sind günstige Lebensmittel ein willkommener Effekt: Wurden 1954 noch 45 Prozent des monatlichen Einkommens für Lebensmitteln ausgeben, sank dieser Betrag auf 12 Prozent in 2010. Stiegen die Lebensmittelpreise, würde dies vor allem untere Einkommensschichten treffen und die Inflation anheizen. In Zeiten steigender Lebenserhaltungskosten kann daher der Appell (von LandwirtInnen und gutverdienenden LOHAS) an VerbraucherInnen, mehr für Lebensmittel zu zahlen, nicht die alleinige Lösung sein**.

*) Schlachthof und Transport, sowie Handelsspanne, sind reine Schätzungen meinerseits.
**) Persönlich halte ich Vegetarismus/Veganismus für keinen Teil der Lösung, da dies individuelle Entscheidungen sind und keine gesamtgesellschaftlichen Perspektiven.