Wenn vermutlich Hillary Rodham Clinton als offizielle Kandidatin der Demokratischen Partei für die US-Präsidentschaftswahl 2016 nominiert wird, werden viele Medien von der "ersten weiblichen US-Präsidentschaftskandidatin" schreiben. Was aber nicht stimmt. Und blickt man weiter zurück, entdeckt man Victoria Woodhull, die es bereits 1872 probierte. Ein kurzes Porträt einer beeindruckenden Frau und ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte.

#meineHeldin

Anlass mir Victoria Woodhull wieder ins Gedächtnis zu rufen, war die schöne Idee des Twitter-Hashtags #meineHeldin, gestartet von @OljaAlvir. Zum gestrigen Weltfrauentag rief sie auf, persönliche, unbekanntere Heldinnen vorzustellen (Solange der Hashtag noch in den Twitterarchiven zu finden ist, nachlesen! Es finden sich interessante Persönlichkeiten). Neben zwei Computerpionierinnen und einer sehr persönlichen Heldin, nannte ich Victoria Woodhull. Ihre Lebensgeschichte ist beeindruckend, aber in der Öffentlichkeit heute fast vergessen.

Ein Potpourri an Schaffen

Victoria WoodhullFeministin/Frauenrechtlerin, Immobilienspekulantin, Mitglied der 1. Internationalen, Spiritistin, Journalistin, Schauspielerin, Vorkämpferin für freie Liebe, US-Präsidentschaftskandidatin – alleine die Aufzählung ihrer Lebensabschnitte ist ein buntes Sammelsurium. Leicht hatte es Woodhull dabei nie. Geboren in eine mittellose, kinderreiche Familie, der erste Mann Alkoholiker und kaum eine Chance formale Bildung zu erlangen, schaffte sie trotz aller Widrigkeiten den Aufstieg. Sie eröffnete gemeinsam mit ihrer Schwester das erste von Frauen geführte Immobilienmaklerbüro, dass daraus entstandene Vermögen erlaubte ihr eine frauenkämpferische Zeitschrift zu gründen. Empfängnisverhütung, Gleichberechtigung und freie Liebe: Dies in den 1870er Jahren öffentlich und wortstark einzufordern war ein skandalöses Novum. Später wurde sie Mitglied der 1. Internationalen und ihr Verlag veröffentliche die erste englische Ausgabe von „Das Kapital“.

Victoria Woodhull KarikaturLandesweite Bekanntheit erlangte sie durch ihre Kandidatur zur US-Präsidentschaft 1872 - obwohl Frauen damals nicht einmal das aktive Wahlrecht besaßen. Von ihren Gegnern und den Medien bekam sie daraufhin den Namen „Mrs. Satan“ verpasst. Zu ihrem „Running Mate“ und Vizepräsidentschaftskandidaten ernannte sie Frederick Douglass, ein früherer Sklave und Abolitionist.

Mit null Wahlmännerstimmen [sic!] erzielte sie zwar keinerlei nominellen Wahlerfolg, aber was Victoria Woodhull für die Gesellschaft leistete, fasst Antje Schrupp (über die ich zu Woodhull fand) sehr schön zusammen:

Victoria Woodhull war eine der wenigen Feministinnen des 19. Jahrhunderts, die nicht aus einem bürgerlichen Mittelstandsmilieu kamen. Ihr ging es weniger um den Kampf gegen diskriminierende Strukturen als darum, die Frauen selbst zu mehr politischer Verantwortung und Initiative aufzufordern. Woodhull wollte keine »Lobbyarbeit« für Fraueninteressen machen, sondern für eine freiheitliche Gesellschaft insgesamt eintreten. Neben dem Wahlrecht setzte sie sich vor allem für »soziale Freiheit« ein, forderte die Abschaffung der Ehegesetze, Gefängnisreformen, bessere Schulbildung. Ihre politischen Ansichten verbreitete sie fast ausschließlich in Vorträgen und Zeitungsartikeln. [Quelle]