Inwieweit können bewusst gewählte Worte Einfluss auf die Realität nehmen? Erschafft ein politisch korrekter Sprachgebrauch tatsächlich eine bessere Welt?

Zuallererst: Der Vorwurf von „Political Correctness“ als Totschlagargument, ja gar als „Meinungsdiktatur“, wie er von (ganz) rechter Seite so kommen mag, ist ausgemachter Blödsinn und darüber sollen hier auch keine Worte verschwendet werden. Was aber zur Debatte steht: Wie sehr das Anpassen und Aufpassen zur reinen Alibihandlung zu verkommen droht und dem eigentlichen Ansinnen damit zuwider läuft.

„Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf“, schrieb schon der begnadete Satiriker und Pazifist Kurt Tucholsky. Von der Schärfe ist heute oft nichts mehr zu spüren. Einem stumpfen Buttermesser gleich, wird sie von all jenen zurechtgebogen, die meinen, etwas zu sagen zu haben. Nur nirgends anecken, nur keine Stellung beziehen und in aller Deutlichkeit: nur keine deutlichen Aussagen treffen. Von allzu glatt Geschliffenem bleiben dann nur mehr jene Worthülsen übrig, die man heute Wirtschaftstreibenden oder Politikern so gerne vorwirft. Beschönigung als Hauptzweck, da die Realität nicht zugemutet werden soll.

Die bewusste sprachliche Diskriminierung mittels abwertender Begriffe zu umgehen, ist eine Schwierigkeit an sich. Eine unter dem Begriff „Euphemismus-Tretmühle“ bekannte Entwicklung besagt, dass jeder Euphemismus früher oder später die negative Konnotation seines Vorgängers übernimmt. Die bestehenden Vorurteile heften sich so auch an die neuen, vermeintlich neutraleren Begriffe.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Eine Verwendung von diskriminierenden Begriffen verböte eigentlich schon der Anstand und Respekt. Mit Sprache jedoch verknüpft sind die Denkmuster des Sprechenden. Und genau hier darf kritisch hinterfragt werden: Ist eine Verwendung von positiv besetzten Ausdrücken bei gleichbleibender Geisteshaltung der Sprechenden alleine schon Fortschritt? Die Verwendung von nichtdiskriminierender Sprache ist dann eine billige Augenauswischerei. So freut es das Publikum zwar vielleicht, wenn der Geschäftsbericht des Handelskonzerns geschlechtsneutral formuliert wurde. Der Kassiererin an der Kassa jenes Konzerns wäre mit einer Anpassung ihres Lohnes an ihre männlichen Kollegen trotzdem mehr geholfen. Und dem Migranten, wenn er nicht mehr sprachlich alleine auf seine Herkunft reduziert werden würde, sondern auch einen Job fände.

Sprache lässt sich nicht auf eine absolute Neutralität zurechtstutzen. Ihr wohnt immer eine Subjektivität und Undeutlichkeit inne. Anders in der Mathematik, wo Ermessensspielraum bei Aussagen verpönt ist. Und gerade mit dieser Subjektivität, mit ihrem Witz und ihrer Ironie, lässt sich mehr erreichen, als mit vorgefertigten Floskeln aus dem Beschönigungsbauchladen. Wetzt also wieder mehr eure Messer.

Erschienen im URBImagazin 02/11