Es ist legitim, (Nutz)tierhalten als solches abzulehnen und vegan zu leben. Für nicht legitim halte ich jedoch die Verbreitung von zweifelhaften Horrorgeschichten.

Auszug aus Spiegel 18/2015
Auszug: Der Spiegel 18/2015. Eine Zusammenfassung des Artikels ist online abrufbar. Scharfe Kritik kam von der zitierten Bäuerin, die sich von der Journalistin getäuscht fühlte – es steht Aussage gegen Aussage.

Journalismus hat nicht die Aufgabe, den Leuten nach dem Mund zu reden. Kritik und das Aufzeigen von Missständen sind nötig und elementar. Wenn jedoch über das Ziel hinausgeschossen wird und ohne Rechtfertigung pauschalierende Urteile gefällt werden, wird der Pfad einer Berichterstattung zugunsten reiner Meinungsmache verlassen.

Ich kann nicht für die 150.000 milchviehhaltenden Betriebe im deutschsprachigen Raum sprechen. Es mag wie in jeder Branche schwarze Schafe geben, die sich – unabhängig der Betriebsgröße – einen Dreck um ihre Tiere scheren. Und damit das klar ist: Solche Betriebe sind für mich Tierquäler und keine Bauern. Mit meinem Wissenshorizont traue ich mir jedoch zu erkennen, ob es sich um Einzelfälle oder einem systemimmanenten Missstand handelt.

Ein Skandal? Kein Skandal?

Zum Thema Milchviehhaltung lesen ich viele Fachmedien, Fachforen und besuche Fortbildungsveranstaltungen. Nirgendwo begegnete mir jemals ein Hinweis auf diesen Missstand – sollte dieser existieren, glaubt mir, wäre dies branchenintern ein Thema. BerufskollegInnen können – auch vertraulich – niemanden nennen, der je eine bewusste Kälbertötung aus Geschäftsgründen durchgeführt hätte.

Neben Subjektiven gibt es – in Österreich – auch objektive Gründe, die gegen einen weitläufigen Skandal sprechen. Jedes neugeborene Kalb muss binnen 7 Tagen an das zentrale Rinderverzeichnis der Agrar-Markt-Austria (AMA) gemeldet werden, auch die Meldung von Todgeburten ist obligatorisch. Nachdem eine Kuh nur Milch gibt, wenn sie regelmäßig Kälber gebärt, würden Unregelmäßigkeiten in der Datenbank sofort aufscheinen – und eine Vor-Ort-Kontrolle nach sich ziehen.

Es gibt auch keinen Grund das System hintergehen zu wollen. Die dominierende Rinderrasse in Österreich ist Fleckvieh, eine klassische Zwei-Nutzungsrasse für Milch und Fleisch. Für Holstein-Kälber (eine reine Milchrasse) lässt sich zwar weniger erlösen, aber auch hier bringt der Verkauf mehr als die nutzlose Tötung. Man kann Bauern zwar vieles unterstellen, nur doch nicht eine solche ökonomische Dummheit.

Missverständnis moderne Tierhaltung

Stirnrunzeln hinterlässt der Text an weiteren Stellen. Aus einen mir unerfindlichen Grund werden vor allem Kälberiglus immer wieder kritisiert – dabei stellen diese im Vergleich zu früheren Haltungsbedingungen (Boxen im Stall oder gar Anbindehaltung) einen Fortschritt da den auch jede/r TierärztIn bestätigt: Viel frische Luft, Bewegungsraum und weniger Krankheitserreger. Neben dem Anbindeverbot fordert aktuelle Gesetzsprechung weiteren Tierkomfort, bei Bio-Betrieben auch die verpflichtende Gruppenhaltung ab der 1. Woche. Die pauschale Aussage Kälber hätten es früher besser gehabt ist daher einfach nicht richtig.

Quoten und Töten?

Die Annahme einer Korrelation zwischen niedrigen Milchpreis und steigenden Kälbertötungen kann es zum vermuteten Zeitpunkt der Recherche so nicht gegeben haben. Bis 1. April 2015 galt die Milchquote – Höfe durften nur soviel Milch liefern, als Milchquote am Betrieb vorhanden war. Bei Überlieferungen drohten empfindliche, rückwirkende Strafzahlungen. Im letzten Jahr der Milchquote war abzusehen, dass die europäischen MilcherzeugerInnen ihre zugeteilten Mengen deutlich übererfüllten – um Strafzahlungen zu vermeiden, wurde daher an den Betrieben nach Verwertungsmöglichkeiten für die Milch gesucht. Allgemein empfohlen wurde dabei das Verfüttern überschüssiger Milch an Kälber. Im Übrigen gibt es, anders als der Artikel behauptet, keine Korrelation zwischen der Verfütterung von richtig angewandtem Milchaustauscher und Kälberdurchfall.

Harte Zeiten für Milchbauern

Der Artikel hat Recht, wenn er über den Kostendruck auf MilcherzeugerInnen spricht. Nach einem Höhenflug zum Jahreswechsel 2013/14 ist der Milchpreis im Keller und eine Besserung noch nicht in Sichtweite. Viele Betriebe, vor allem im Deutschland, müssen sich mit weniger als 30 Cent/kg Milch begnügen – Supermärkte verramschen die Milch für weniger als 50 Cent. Eine Kostendeckung wird bei diesen Einnahmen zur Herausforderung. Etwas besser sieht es bei Bio-Milch aus und in Nischen, wie der in Österreich verbreiteten Heumilch.

Jede Bäuerin und jeder Bauer möchte vom Beruf leben können. Aber unabhängig der Geldfrage ist die Pflicht zur Fürsorge und Verständnis für die Tiere – wächst man doch schon als Kind mit diesen auf und sind sie die Grundlage des Berufes.



PS: Das tote Kälber einfach so in die Güllegrube geworfen werden, ist übrigens ein ganz großes Schauermärchen. Gülle wird regelmäßig auf Felder und Wiesen ausgebracht. Ein Kalbskörper passt – selbst teilverwest – physikalisch einfach nicht durch Verteilerrohre.