Nähern wir uns also dem Ende der re:publica, Tag drei, Ausklang und Rückblick, zwischen Cyberwar, Weltkulturerbe und Online-Feminismus. Das Platzangebot war verschärfte sich ab Freitagmittag abermals noch, da der größte Veranstaltungsort, der Friedrichstadtpalast, für seine regulären Veranstaltungen freigegeben werden musste. Jonny Haeusler betone in seiner Abschlussrede auch, dass das Konzept für die nächste re:publica wohl überdacht werden muss. In seiner Schlusssession hieß es dann satirisch: „Was hat das Internet je für uns getan?“. Und zum Ende hin sangen alle:

Schön war die re:publica. Für mich ging es nachher auf der re:campaign noch weiter, ob davon auch so detailliert berichtet wird, ist eher fraglich (ich tippe auf: nein).

Anzumerken sei noch, dass alle englischen Sessions prinzipiell interessanter waren als die deutschen (wenngleich es auch hier Highlights gab). Sicher zählt der Celebrity-Faktor, jemand x-Beliebigen lässt man nicht einfliegen, zeigt aber doch, dass die deutsche Digitale Gesellschaft noch ein Stücklein des Weges vor sich hat um intellektuell (aber auch simpel vortragstechnisch) aufzuschließen.

Ansonsten: Club-Mate schmeckt mir immer noch nicht. Und knapp 50.000 Tweets.

Cyberwar und seine Folgen für die Informationsgesellschaft.

(Sessioninfo)

Sandro Gaycken gab einen Ein- aber auch Ausblick über die Kriegsführung im digitalen Zeitalter. „Cyberwar“ ist für ihn dass „Militärs das Hacken entdeckten“, denn in der Informationsgesellschaft existieren genügend elektronische Angriffspunkte, die Anfällig für Attacken sind. Gleichzeitig hat Cyberwar auch Abschreckungspotential: Während die IT-Sicherheit in der Vergangenheit „nur“ mit einfachen Hackern und Script-Kiddies zu tun hatte – und damit schon genügend Probleme hatte – stehen jetzt „Hackerarmeen“ bereit. Als Beispiel kann „Stuxnet“ dienen: Wiewohl erst der Einstieg, war es der erste Virus, der sich auf einen Staat zurückführen lässt.

Die Hackerarmeen operieren dabei nicht unabhängig vom restlichen Militär: Vor allem in Hochsicherheitsbereichen, die physikalisch vom Internet getrennt sind, benötigt es die Hilfe von klassischen Spionen und Informanten um in die Netzwerke eindringen zu können. Ein anderes Einfallstor bieten die Supply-Chain-Ketten – schleust man manipulierte Computerchips in den Fertigungsprozess ein, hilft selbst das bestgesichertste Netzwerk kaum noch. Dies ist ein wunder Punkt: Während vornehmlich auf über Internet-Sicherheit diskutiert wird, übersieht man die Angriffsmöglichkeiten von Innentätern und über Zulieferketten.

Ein großer Unterschied zur klassischen Kriegsführung ist das Attributionsproblem des Cyberwar: Angriffe lassen sich nicht eindeutig auf einen Täter zurückführen. Dies bewirkt, dass Diplomatie, aber auch Abschreckungsmaßnahmen, wirkungslos werden, weil der Angreifer nicht eruiert werden kann. Auch besteht durch „False-Flag-Operations“ die Gefahr, bewusst auf eine falsche Fährte gelockt zu werden. Lässt sich aber die Indizienkette nicht eindeutig argumentieren, so fällt auch die Möglichkeit für militärische Gegenoperationen. Auch eine Überwachung des Internets löst das Attributionsproblem nicht.

Cyberwar beschränkt sich nicht nur auf militärische Kriegstechnik, sondern kann auch zum Angriff auf Infrastruktur oder das Wirtschaftssystem („Economic-Operations“) Verwendung finden. „Information-Operations“ (InfoOps) kennzeichnen sich durch Manipulation der öffentlichen Meinung. Vor allem Schwellen-Informationsgesellschaften, die noch keine vertrauensvollen Strukturen geschaffen haben, sind anfällig für Propaganda und manipulierte Meinungsbildung. Aber auch in etablierten Strukturen lässt sich durch eine Falschmeldung in Social-Networks im entscheidenden Moment die Meinungsbildung manipulieren. Die Informationsgesellschaft befände sich dann auf dem Wege zur Desinformationsgesellschaft.

Wikipedia als Weltkulturerbe?

(Sessioninfo)

Von Wikimedia-Deutschland, dem lokalen Ableger der Wikipedia-Trägerorganisation Wikimedia, waren Catrin Schoneville, Sebastian Sooth und Pavel Richter anwesend und gaben einen Einblick in die Entwicklung und Zukunftsprojekte der deutschen Wikipedia. In ihrem Bericht widersprachen sie auch der Meinung, dass die deutsche Wikipedia an Autorenschwund leide: Wenngleich die Zahlen stagnieren, sind in derzeit ca. 20.000 Personen aktiv (mind. ein Edit in vier Wochen), davon 7000 als regelmäßige Schreiber mit mindestens fünf Edits auf unterschiedlichen Seiten. Gleichwohl betonen sie auch, durch Initiativen (bspw. Projekt „Silberwissen“ für ältere Menschen) frische Autoren gewinnen zu wollen.

Hauptaugenmerk der Session lag jedoch in der neuen Initiative „Wikipedia muss Weltkulturerbe werden“. Was sich auf den ersten Blick anhört als PR-Gag ist jedoch ernst gemeint. Die Definition der UNESCO von 1972 („Maßgebend ist die Herausragende universelle Bedeutung des Kulturguts aus historischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen“) möge auch passend sein, wichtiger ist ihnen jedoch der Gedankenanstoß, ob digitales Gut überhaupt „Weltkulturerbe“ werden kann oder das Web eine Neuausrichtung der UNESCO-Definition verlangt. Im Zuge dieser Debatte soll auch die Wikipedia selbst hinterfragt werden, wie sie in den 10 Jahren ihres Bestehens den Umgang mit Wissen veränderte und gestaltete.

Konkrete Ziele werden mit der Initiative ebenso verfolgt, im Vordergrund steht dabei eine Wertschätzung der Arbeit der Wikipedianer. Weiter soll damit eine Information und Aufklärung über freies Wissen erfolgen, sowie eine Sensibilisierung und eine Bewusstmachung für den richtigen und kritischen Umgang mit freiem Wissen. In der Publikumsdiskussion kam dann noch ein Punkt hinzu: Staaten müssen Weltkulturerbegütern besonderem Schutz zukommen lassen – und dies kann für die Wikipedia in der Diskussion um Netzsperren oder Netzneutralität von Bedeutung sein. Wobei betont wurde: Staatlicher Schutz ja, aber keinesfalls Einflussnahme.

Du bist Terrorist

Satirische Kurzfilme fürs Netz (Sessioninfo)

Den Kurzfilm „Du bist Terrorist“, der die ständige Zunahme der Überwachung kritisch hinterfragt, kennen wahrscheinlich viele von euch (wenn nicht, hier anschauen). Alexander Lehmann, Macher des Films, gab sympathisch mit Anekdoten gewürzt einen Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit. Entstanden ist das Video während seines Praktikumsaufenthaltes in Kanada, wo er die Diskussion über Internet-Überwachung in Deutschland mitverfolgte. Richtig populär wurde sein Film allerdings erst, als die Werbeagentur der Kampagne „Du bist Deutschland“ ihn abmahnte. Mainstream-Medien sprangen in die Berichterstattung auf (Streisand-Effekt anyone?) und die Rollenverteilung (kleiner Netzaktivist vs. große Werbeagentur) verhalf ihn zu zusätzlichen Sympathien, denen die Agentur schlussendlich nachgeben musste. Daher auch sein augenzwinkerndes Statement: Ein guter Film hilft nichts, es muss erst einen „Skandal“ geben, damit darüber berichtet wird.

Ein Kurzfilm stellt für ihn die ideale Basis da, um ein Thema zu popularisieren. Durch die Visualisierung der Darstellung kann die Aussage prägnant auf den Punkt gebracht werden, die Dramaturgie vermittelt Bestimmtes hervorgehoben. Hinzu kommt die einfache Distribution über Videoportale. Persönlich hat sich für Alexander das Video schon gelohnt: Der Kurzfilm gewann Filmfestival-Preise und er fand einen Job.

Cyberfeministinnen und Girls on Web

(Sessioninfo)

Ein Generationentreffen von Netzaktivistinnen: Online-Aktivistinnen der ersten Stunde trafen auf die neue Bewegung der Bloggerinnen um über Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, zu diskutieren. Nachdem die Diskussion sehr spannend war, gibt’s das lange Protokoll als separaten Blogbeitrag später mal.

ICONS

Eine ikonografische Profilbildanalyse der deutschen Digital-Szene (ohne Sascha Lobo)(Sessioninfo)

Kixka Nebraska über die Aussage von Profilbildern im Allgemeinen und über manche Prominente der Netzszene im Besonderen. Sehr unterhaltsam, daher auch kein Protokoll (und ohne die Fotos/Profibilder sowieso sinnlos).





Das war die re:publica ...


... und das auch.