Es heißt re:publica, es bedeutet das große Stell-dich-ein der deutschsprachigen digitalen Szene im verregneten Berlin. Es bedeutet auch eine höher Gadget-Dichte als in einem Elektronikladen und die Twitterwall wertet zu Spitzenzeiten über 25 Tweets/Minute, gehashtagged mit #rp11, aus. Das, was sonst virtuell, passiert nun im realen Raum. Unterschied jedoch: Wenn woanders bei einem Ansturm höchstens der Server die Beine streckt, sind hier die kleineren Vortragsräume teilweise heillos überfüllt. An so mancher Tür klebte daher auch schon ein „Error 503“-Sticker.

Dennoch hat es bereits mehr als ausgezahlt, hierherzukommen (danke ÖBB, für das 39,-- Euro Schlafwagenticket). Ein Rückblick auf die besuchten Sessions am ersten Tag, den gesamten Kalender gibt’s hier.

Design Thinking

Design ist zu wichtig, um es den Designern zu überlassen (Sessioninfo)

Die Eröffnungssession. Schwach, ganz schwach. Inhalt zusammengefasst: bla bla bla [wir sind eine internationale hyperinnovative Designfirma] bla bla bla [wir haben da einen neue tolle Crowdsourcing-Plattform für Innovationen] bla bla. Den Namen dieser Plattform vergas ich schon wieder, war auch nicht so wichtig.

Geek Politics and Anonymous

From the Offensive Internet to Human Rights Activism (Sessioninfo)

Wenn der vorige Vortrag noch ein Reinfall war, lohnte sich dieser umso mehr. Gabriella Coleman gab einen wunderbar recherchierten und vorgetragenen Einblick in die Geschichte und Wirkungsweise der „Anonymous“-Bewegung. Wie sie agiert (alles ist dem „Lulz“ geschuldet), wer sie führt (niemand) und welche sozialen Regeln sich diese lose Gruppe für den internen Zusammenhalt gibt (jeder, der sich zu wichtig nimmt, fliegt raus). Colemann leistete auch ein vortreffliches Beispiel dafür, wie man als Anthropologe den digitalen Raum erforscht. Das sei allen Volkskundlern gesagt, die noch „offline“ sind.

Shitstorm? You can do it!

(Sessioninfo)

„Vorgestellt und diskutiert werden prominente Beispiele für subversiven Aktivismus und Social Media Hacks jenseits von Campaigning und Petitionen. Von der #MooreandMe-Kampagne über den Privilege-Denying White Dude bis hin zum neuesten Projekt der feministischen Blogszene: Die Trollmonetarisierungsplattform Hatr.“ Ein Vortrag, auf den ich mich sehr freute. Allerdings war schon eine Viertelstunde vor Beginn des Workshops der Raum überfüllt und kein Einlass mehr möglich. Ratet mal, auf welcher Seite der Tür ich stand. Tja. Fuck.

Wie Schwärme Marken, Märkte und Machtgefüge verändern

Das Web (2.0) und die Zukunft der Energie (Sessioninfo)

Als Eingangsstatement ein abgedroschenes „Die Energiefrage muss nach Fukushima neu diskutiert werden“ und die erste Powerpoint-Folie verkündete das 15 Jahre alte Cluetrain-Statement „Märkte sind Gespräche“. Bullshit-Bingo-Karte schon nach 5 Minuten voll, dass war zu viel. Ich bin gegangen.

Individuality, Technology and Online Life

(Sessioninfo)

Eigentlich war ich nur wegen dem Celebrity-Faktor dort (Mitchell Baker ist die Vorsitzende der Mozilla-Foundation). Präsentiert wurden von ihr die Grundlagen von Mozilla, nachdem sich die Entwicklung ihrer Open-Source-Produkte ausrichtet. Mäßig interessant.

Modern revolutions are digital revolutions

Africa: Tunisia, Egypt and Libya: A signal for the whole of Africa? (Sessioninfo)

Die Podiumsdiskussion stand unter dem Eindrücken der Revolutionen in Nordafrika und beleuchtete die Rolle der digitalen Medien. Zusammengesetzt war das Podium mit Korrespondenten der Deutschen Welle. Kritisch hinterfragt wurde dabei die hervorgehobene Bedeutung und der Einfluss von sozialen Netzwerken: Vom Podium tönte, dass die Aussage „"Modern Revolutions are digital Revolutions" eher lauten sollte „Modern Revolutions are Socity Revolutions“. Man sollte nicht allzusehr auf die Technik schauen, sondern auf die Organisationsfähigkeit der Protestierenden: Ägypten hatte eine Zivilgesellschaft und funktionierende Strukturen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. In anderen afrikanischen Ländern, die stärker vom Stammesdenken geprägt sind, scheitert es oft schon daran. Auch erreicht Facebook in Ländern der Subsahara gerade mal 0,17% der Bevölkerung und eignet sich daher nicht als politische Protestplattform.

Medienkompetenz #wtf

Konkretisierung eines Bildungsziels zwischen Allheilmittel, Teilhabe und Führerscheinen (Sessioninfo)

Jugendliche sollen einen kompetenten Umgang mit (neuen) Medien lernen, darauf können sich meisten einigen. Beim „Wie“ scheiden sich allerdings die Geister. Jürgen Ertelt, Medien- und Sozialpädagoge zerpflückte in seinem Vortrag die unterschiedlichsten Konzepte, denn den Grundsatz der neuen Medien hat kaum jemand verstanden: Es wird nicht nur "benutzen", sondern man partizipiert daran. Als „Worst-of“-Beispiele zählte er die Überlegungen der SPD für „Netzpferdchen“ (ähnlich dem „Seepferdchen“-Abzeichen im Schwimmkurs) oder den generellen Empfehlungen, unpassendes einfach zu „sperren“. Das neue Medien und Social-Networks von Parteien nicht verstanden werden, führt er unter anderem auf die Überalterung der Parteien zurück: Der durchschnittliche SPD-Wähler ist 58 Jahre alt, die CDU liegt mit 56 nur knapp darunter.

Die Vermittlung von Medienkompetenz soll seiner Empfehlung nach dort stattfinden, wo die Jugendlichen sind: In sozialen Netzwerken beispielsweise. Und wer kompetent im Netz agieren soll, braucht Unterstützung, die zur selbstbestimmten Aushandlung von Lebensentwürfen verhilft. Denn die vernetzte Kommunikation muss gefördert werden und auf die Möglichkeit sozialer Kooperationen hingewiesen werden – es geht um die Befähigung der Teilhabe an der (digitalen) Gesellschaft und ihrem Potential. Kritik übte er am neugegründeten Verein digitale-gesellschaft.de: Diese habe vollkommen auf den Bildungsbereich vergessen.

Alles in allem ein sehr gelungener und informativer Vortrag. Die Präsentation gibt’s hier.

Blogs in Deutschland

Eine Untersuchung aktueller Trends aus Perspektive deutscher Blogger (Sessioninfo)

Präsentation einer Studie über deutsche Blogger. Viel Interessantes hatte Stine Eckert nicht zu erzählen, dafür durfte sie dann teils heftige Kritik aus dem Publikum in Empfang nehmen. Bemängelt wurde die geringe Samplinggröße (20 Blogger) sowie fragliches Zahlenmaterial und Definitionsgrundlage (Nur 2-3% aller Deutschen lesen ein Blog? Wie ist definiert als Blog?).

Öffentlicher als öffentlich?

Der Deutungswandel von Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext von Twitter (Sessioninfo)

Miriam Feuls las aus ihrer Diplomarbeit vor (anders kann man diesen „Vortragsstil“ leider nicht nennen“). Obwohl das Thema selbst und auch ihre Aussagen, die sie im Interview mit ausgewählten Twitter-Usern gesammelt hat, durchaus interessant waren. Oder gewesen wären.

Policing Content in the Quasi-Public Sphere

(Sessioninfo)

Diese Session war wieder ein Grund, sich zu freuen auf der re:publica zu sein. Jillian C. York, Mitarbeiterin am Berkman Center for Internet & Society, plauderte aus dem Nähkästchen wie sehr man sich durch große Plattform-Anbieter ein eine Abhängigkeitsposition begibt. Denn, wenn die Social-Networks einen (vermeintlichen) Verstoß gegen ihre Nutzungsbedingungen feststellen, wird ohne viel nachfragen gelöscht oder gesperrt. Ganze Accounts oder mühsam zusammengestellte Foto- und Videosammlungen verschwanden so im digitalen Orkus. Aus ihrer Arbeit präsentierte sie zahlreiche Beispiele, vor allem von Human-Rights-Aktivisten, und wie es möglich war, die Sperrung von Accounts wieder rückgängig zu machen. Als besonders gefährdet sieht sie Aktivisten-Accounts auf Facebook: Geben sie nicht ihren richtigen Namen an, können sie einfach über die Funktion „User melden“ von Gegner denunziert werden.

Übrigens: Wer wusste vorher, dass Flickr einen eigenen Human-Rights-Adviser beschäftigt? Und das Youtube-Videos über Gewalt an Protestierenden dann nicht gelöscht werden, wenn sie passend zum Ereignis getaggt sind?

Infos zu ihrer Session gibts auch in ihrem Blog

Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung

(Sessioninfo)

Für die einen ist er das Aushängeschild der deutschen Digitalgesellschaft, für die Anderen die „Verona Feldbusch der re:publica“: Sascha Lobo. Was er auf alle Fälle kann: sehr amüsant vortragen. Und damit war er ein würdiger Abschluss des ersten Tages. Via Online-Voting wünschte sich die Mehrheit der Besucher eine Publikumsbeschimpfung und die gab es (mit Augenzwinkern) dann auch. Und sie hatte einen wahren Kern: „Warum werdet ihr nicht gehört? Ihr denkt, wenn ihr Twitter benutzt, erreicht ihr die Öffentlichkeit. Wie idiotisch! Twitter hatte letztes Jahr in Deutschland weniger User als aktive Kanufahrer hierzulande.“

Im zweiten Teil ging es um die Weiterführung seines Spezialgebietes, der Trollforschung. Er knüpft damit an die Erkenntnisse vom Vortrag im letzten Jahr an. Besonders hob er die zwischenzeitlich betriebene Feldforschung im Trollwesen hervor (seiner Aussage nach eigenen sich Feminismus/Gender- und Tech-Blogs sehr gut dafür). Er betrachtet das Internet als Ökosystem: In diesem übernehmen die Trolle die Aufgabe der Destruenten und stellen damit eine wichtige Funktion für die Evolution des Ökosystems dar. Denn Trollen ist die Erprobung des Ernstfalls, ein virtueller Testkonflikt, der auf den Ernstfall vorbereitet und die Community zusammenschweißt.

Unbedingt anschauen, wenn der Vortrag, wie dieser vom letzten Jahr, online verfügbar ist.