Moderne Tierhaltung steht im Verruf, Schuld trägt daran oft die Distanz zwischen Wunsch und Realität. Von dieser Diskrepanz leben Tierschutzorganisationen, die naturgemäß Lobbying für ihre Anliegen betreiben. Es ist an der Zeit, genauer hinzusehen, was da eigentlich gefordert wird und welche realitätsfernen und falschen Schlussfolgerungen oft gezogen werden.

Anlassgeberin für diesen Artikel – der sich ausschließlich der österreichischen Milchtierhaltung widmet – ist eine aktuelle Petition des VGT (Verein gegen Tierfabriken) gegenüber milchviehhaltenden Landwirtschaftsbetrieben [1]. Neben durchaus Überlegenswerten werden auch viele Halb- und Unwahrheiten verbreitet. Und es ist nicht nur die Realitätsferne mancher Forderungen: Vieles ist bereits umgesetzt oder für TierhalterInnen eine schlichte Selbstverständlichkeit. Von der Fragwürdigkeit, eine ganze Bevölkerungsgruppe pauschal als „TierquälerInnen“ zu verunglimpfen, ganz und gar abgesehen.

Was ist Massentierhaltung?

Ein Grundproblem in fast jeder Tierschutzdebatte ist der nebulöse Begriff der „Massentierhaltung“. Ein Todschlagargument – wenig verwunderlich, ist dieser Begriff nirgendwo exakt definiert [2].

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft führt tatsächlich zu immer größeren Betrieben. Österreich ist mit durchschnittlich 29 Rindern/Betrieb vergleichsweise klein strukturiert, in Bayern liegt der Schnitt bereits bei über 60 Rindern. Und dies sind alles bäuerliche Betriebe, denn moderne Technik und effiziente Arbeitsorganisation ermöglichen heute auch eine Herde von 200 Rindern als klassischen Familienbetrieb zu führen. Das Tierwohl hat durch den Strukturwandeln nicht unbedingt gelitten. Im Gegenteil, moderne Tierhaltung – egal der bäuerlichen Betriebsgröße – bemüht sich darum, den Tieren ein gutes Umfeld zu schaffen und schärfere gesetzliche Bedingungen werden kontrolliert.

Die Vorwürfe und Forderungen im Detail

„Transparenz über genau Herkunft und Haltung der Tiere“
Die lückenlose Nachvollziehbarkeit sämtlicher Tiere ist in der Europäischen Union bereits seit 1998 in Österreich gesetzlich verpflichtend, ohne entsprechende Dokumente darf kein Tier in den Handel gelangen. Auch die gesetzlich vorgeschriebenen Haltungsbedingungen – egal ob konventionell oder bio – werden kontrolliert. Ein zusätzliche Ausdifferenzierung über die Haltungsbedingungen mag aus Marketingsicht durchaus sinnvoll sein (bei Eiern funktioniert dies), würde aber möglicherweise Aufgrund der Vielzahl an bereits vorhandenen Siegeln und Marken die Konsumentin/den Konsumenten nur weiter verwirren. Die „Abstimmung an der Supermarktkassa“ kann schon heute mit dem bewussten Kauf von Bio- und/oder regionalen Lebensmitteln durchgeführt werden.

„Förderung von Massentierhaltung über Steuergelder“
Wie oben schon erklärt, ist Massentierhaltung kein definierter Begriff – ein Förderungsverbot dementsprechend nicht umsetzbar. Allerdings gibt es Obergrenzen, die bei Förderung bereits Berücksichtigung finden: So dürfen innerhalb von ÖPUL zwei GVE (Großvieheinheiten) je Hektar Grundfläche gehalten werden und die Nitratrichtlinien definiert Obergrenzen um die Überdüngung des Kulturlandes zu verhindern. Und in Ställen sind Mindestgrößen je Tier vorgeschrieben, die auch größere Betriebe einzuhalten haben.

„Kein Einsatz von prophylaktischen Antibiotika“
In Österreich bereits seit einigen Jahren verboten.

„Verbot von gentechnisch veränderten Futtermitteln“
Die österreichische Milchwirtschaft ist bereits seit 2010 komplett frei von gentechnisch veränderten Futtermitteln.

„Verbot der Anbindehaltung“
Ganzjährige Anbindehaltung ist bereits verboten. Vor allem in Kleinbetrieben findet sich aber noch Anbindehaltung (auch Betriebe, deren Rinder den Sommer auf der Alm verbringen und nur im Winter im Stall stehen), während Neubauten als Laufställe ausgeführt werden. Bei Bio-Betrieben ist Anbindehaltung bereits gänzlich verboten.

„Ende der Qualzucht“

Entwicklung Milchleistung
Milchleistung stieg, Nutzdauer sank, steigt
aber wieder an.


Zuchtdaten
Zuchtdaten eines Stiers.
Was man auch immer man genau unter „Qualzucht“ zu verstehen hat – es gibt diese so nicht. Tatsächlich ist die Milchleistung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, verantwortlich dafür ist ein Bündel an Maßnahmen: Neben genetischer Selektion durch Zucht und Fokusierung auf bestimmte Rinderrassen, tragen auch moderne Fütterung und höherer Tierkomfort dazu bei. Der Unfug der „Qualzucht“ lässt sich auch einfach ökonomisch widerlegen: Tiere, die Schmerzen leiden, geben weniger Milch, ein gesundes, schmerzfreies Rind ist daher oberste Pflicht. Ähnliches lässt sich auch über „Wegwerfkühe“ sagen: Um die Kosten der Aufzucht einzuspielen, muss ein Rind zwei bis drei Laktationenphasen lang Milch geben. Tierwohl ist daher auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein gegebenes Muss (auch wenn dieses Argument nicht allen gefällt).

„Qualzucht“ gibt es aber sehr wohl bei Haustieren. Das aber genau dies von Tierschutzorganisationen hinterfragt wird, ist mir noch nirgendwo aufgefallen.

„Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt“
Rinder sind Gruppentiere, die auch im natürlichen Umfeld Herdengrößen von bis zu 50 Tieren bilden. Eine Trennung von Muttertier und Kalb von der Herde – nötig um die Gefährdung des Kalbes durch ranghöhere Tiere zu vermeiden – käme einer Isolationshaft gleich. Ziel muss es daher sein, dass Muttertier rasch wieder in die Herde zu integrieren. Je länger das Kalb bei dem Muttertier bleibt, desto höher und risikoreicher ist der Trennungsschmerz – daher ist die schnelle Trennung deutlich stressfreier und das Muttertier kann schnell wieder in die Herde zurück.

„Verbot der betäubungslosen Enthornung“
Eine sinnvolle Forderung und bei Bio-Betrieben bereits Pflicht

Was nicht gefordert wird

Es sei auch die Sinnhaftigkeit von Verboten alleine in Frage gestellt, denn ein Umdenken auf KonsumentInnenseite bewirkt man damit nicht. Durch neue Vorschriften in der österreichischen Putenzucht können Landwirte den Preisdruck des heimischen Lebensmittelhandels vielfach nicht mehr standhalten– der Handel setzt daher verstärkt auf den Import von „Billig-Puten“ aus dem Ausland.

Oft sind es schon kleine Änderungen, die den Tierkomfort massiv erhöhen können – und dabei von TierschützerInnen aufgrund mangelndem Interesse (und Praxiswissens) außer Acht gelassen werden. Beispielsweise sind in Dänemark ab 2016 Kuhbürsten vorgeschrieben, die Rindern eine tägliche Fellpflege und Massage ermöglichen. Auch die steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels sollten Widerhall in geeigneten Belüftungsmaßnahmen finden.

Dialog statt Unfug

Naturgemäß blickt man als Landwirt anders auf die Dinge, aber selbst beim Versuch einer neutraleren Beobachtung lassen sich Widersprüche der Forderungen nicht ausräumen. Jegliche Lobbygruppe, die teilweise solche Halbwahrheiten, Diffamierungen und Pauschalierungen gegenüber einer Bevölkerungsgruppe verbreitet, würde zurecht massiver Kritik ausgesetzt sein. Dass bei Tierschutzorganisationen dieses kritische Hinterfragen ausbleibt, verwundert.

Was schade ist – denn viele Verbesserungen in der Nutztierhaltung entstanden nicht im luftleeren Raum, sondern gehen auf einen Bewusstseinswandel zurück. Bis in die 1970er Jahren wurden Ökosysteme bedenkenlos zerstört, erst in den 80er und 90er Jahren vollzog sich der Wandel und die dementsprechende Gesetzgebung zog nach. Dies verdanken wir UmweltschützerInnen.

Statt Arschloch-Aktionen (schwarze Schafe gibt es auf beiden Seiten) wäre der Dialog angebrachter. Dass dies zum Erfolg beitragen kann – für Mensch und Tier – sieht man an der kürzlich gestarteten „Initiative Tierwohl“ in Deutschland.

 


[1] Die Petition richtet sich auch gegen Schweine- und Geflügelbetriebe. Ich möchte aber nicht über mir nur halbbekannte Branchen schreiben, daher geht dieser Text nur auf Milchrinder ein.

[2] Die FAO definiert Intensivtierhaltung ab 10 GVE/ha, für Milchviehbetrieben aufgrund des Flächenbedarfs für Futter irrelevant – keine Definition gibt es für Tiere pro Stall.

[3] Der optimale Temperaturbereich für ein erwachsenes Rind liegt bei 5 bis 10 Grad Celsius – bereits ab 25 Grad kann Wärmestress entstehen. Dass sich gerade moderne Offenfrontställe – von vielen Symbolbild für „industrielle Landwirtschaft“ gesehen - durch gute Belüftung auszeichnen ist ein kleiner ironischer Aspekt.