Moderne Technik ist nicht trennbar von der Gesellschaft in der sie entsteht. Sie wird missbraucht als Machtinstrument und dient, das Wissen ihres Einsatzes habhaft, als Regulator zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten. Am deutlichsten wird dies, wenn wir uns einem technischen Meisterwerk zuwenden: der modernen Stadt.


Brasilia (Foto: Cayambe CC-BY-SA 3.0)

Geht man nach Otto Ullrichs Aussage des "Kapital und Technik als enges Bündnis" so wird dies in der Stadt am deutlichsten. Die Symbiose aus gesellschaftlichen Strukturen und moderner Technik erzwingt geradezu die fortschreitende Konsumation abhängiger Betriebsmittel. Wenden wir uns als Beispiel der Stadt Brasilia zu: Sie sollte, am Reißbrett geplant, alle Vorzüge einer modernen Stadt bieten, ohne auf gewachsene historische Nachteile eingehen zu müssen. Das Experiment scheiterte kläglich. Denn, was man in den 50er Jahren als perfekte Symbiose einer fortschrittlichen Stadt verstand, erzeugte drei getrennte Stadtstrukturen für Arbeit, Freizeit und Wohnen. Verbunden wurden die einzelnen Teile durch mehrspurige Autobahnen, auf denen, so die Idee, die BewohnerInnen bequem mit ihrem Privatauto verkehren sollten.

Das Sinnbild dieser Stadt stand im Einklang mit den Ideen von Le Corbusier. Der französische Architekt verlangte eine radikale Abkehr der Architektur von bestehenden Paradigmen, um fortschreitenden technischen Entwicklungen Platz zu geben. Bauten sollen ausschließlich Zweckbauten sein, Städte rein auf Effizienz getrimmt. Der technokratische Ansatz übersah den Wunsch der Bewohnerinnen nach Identität und Geschichte. Dennoch verwirklichten Le Corbusiers SchülerInnen Brasilia.

"Wie weit ein Forscher schon allein durch den Stil seines Denkens und Handelns an den Zerstörungstendenzen der Zeit mitschuldig wird"

Diese Aussage des österreichischen Zukunftsforschers Robert Jungk bewahrheitete sich: 50 Jahre später ist Brasilia eine Stadt ohne Seele. Die Mittel- und Oberschicht der BeamtInnen, für die dieser Ort errichtet wurde, flieht am Wochenende aus der Stadt. Die BauarbeiterInnen, die die Stadt errichteten oder unwillkommene ImmigrantInnen ließ man erst gar nicht herein, sondern schob sie in Slums ab. Ohne Kapital für ein eigenes Auto wäre diese Stadt für sie auch unbewohnbar.

Eine Zersiedelung – anzutreffen vor allem in amerikanischen Städten mit ihren Einfamilienhausparks –  verhindert die Entwicklung eines "kulturellen Unterholzes". So verkommen ganze Städte oder Stadtteile zu reinen Schlafstätten, denn das urbane Leben findet woanders statt. Auch so zwingt man die BewohnerInnen zur Anschaffung von Autos, denn ein öffentlicher Nahverkehr lässt sich aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte kaum verwirklichen.

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Venedig: Kompakt, alle Wege zu Fuß erreichbar, die Autos ausgesperrt. Dass diese Stadt seit Jahrhunderten als Touristinnenattraktion gilt, zeigt auch, wie verkehrt eine Stadtentwicklung war, die ausschließlich den Individualverkehr im Sinne hatte. Venedig verkörpert heute noch das ideale Stadtkonzept .

„Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit.“

Filippo Tommaso Marinetti war es, der zur vorigen Jahrhundertwende mit dem „futuristischen Manifest“ das ideologische Rüstzeug der aufkommenden Epoche der brutalen Avantgarde mitgab. Die Faszination der Maschine, die Geschwindigkeit der Veränderung: mit dem radikalen Bruch des Bestehenden und der Erschaffung des Neuen. Wiewohl besonders in Malerei, Theater und Literatur Spuren hinterlassend, brachte der italienische Architekt Antonio Sant’Elia den Futurismus auch in die Architektur ein und inspirierte damit Le Corbusier.

„Wir schulen unser Formgefühl an den reinen Zweckformen der Technik und Industrie. Das sind die Kinder unseres Geistes.“ Hinzufügen zu diesem Zitat Le Corbusier möchte man „und des Profits“. Städteplanung am Reisbrett, unterworfen der ingenieurhaften Techniknaivität und kapitalistischen Profitstrebens, dass den Menschen höchstens als KonsumentIn mitdenkt führt zu Wohnmaschinen, reduziert auf blanke Funktionalität ohne Herz und Gleichgültigkeit der Umgebung gegenüber. Der Philosoph Georg Simmel sprach die Warnung – ironischerweise – Jahre vor Le Corbusier in seinem Aufsatz „Die Grosstädte und das Geistesleben“ bereits aus: „Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhange. Ihnen ist gemeinsam die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart.“ 

Am Beispiel der Stadt verifiziert sich die Aussage von Ullrich: "Technik und Herrschaft doch enger verknüpft sind, als nur durch eine falsche Anwendung": Zersiedelte Wohngegenden erzwingen, gleich welchen Systems, die Investition in Individualverkehrsmittel, mit den damit verbundenen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Das Wissen der IngenieurInnen und WissenschaftlerInnen hat daher sowohl für das Kapital als auch für den Staat eine wesentliche Bedeutung.