Online-Medien scheinen die Führungsrolle in der Nachrichtenberichterstattung übernommen zu haben. Wurde 1990 noch CNN mit seinen Livebildern vom Golfkrieg als prägend empfunden, spricht man angesichts der Geschehnisse in Nordafrika heute schon von „Facebook-Revolutionen“ und „Twitter- Aufständen“. Auf der Strecke zu bleiben scheinen dabei die klassischen Medien.

Wer das Tal der Tränen sehen möchte, dem sei die Website der “Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern” (IVW) in Deutschland ans Herz gelegt. Vor allem wenn man eine gewisse Affinität zu gedruckten Tageszeitungen hegt. Denn die Statistiken dort zeigen in eine Richtung: nach unten und das deutlich.

Nun ist dieser Prozess weder neu, noch den ManagerInnen in den Medienhäusern verborgen. Dort, in den heiligen Hallen des Journalismus, weiß man nicht so recht, wie man damit umgehen soll. Rationalisieren dort, Redaktionen zusammenlegen hier, das eine oder andere komplett unprofitable Produkt einstampfen und – vor allem – auf die böse Kostenlosmentalität im Internet schimpfen. Unkreativer geht’s kaum.

Was ist Content wert?

Mitleid mit den Verlagen ist nur zum Teil gerechtfertigt. Wenn die Tageszeitung nur mehr als verlängerter Arm der Vertriebsabteilung gesehen wird und der Journalismus nur nötig ist, um den Platz zwischen den Anzeigen zu füllen, darf man vom „Qualitätsverfall im Internet“ wohl eher nicht sprechen. Aber genau die Qualität soll es jetzt richten: Am „Cologne Web Content Forum“ war die einhellige Meinung aus den Verlagen, gegen selbst gestrickten Blog-Journalismus helfe nur das Zepter der Qualität und des journalistischen Anspruchs. Denn dann, so der Tenor, seien die BesucherInnen vielleicht auch bereit den einen oder anderen Groschen für Inhalte auszugeben.

Derweil feiert jedoch der Schlendrian weiter Kirchtag in den Online-Redaktionen. Für Zugriffszahlen, die Währung des Internets geschuldet, werden in die Texte nichtssagende, dafür ellenlange Bilderstrecken eingebunden. Die redaktionelle Aufbereitung von Texten beschränkt sich auf die Tastenkombinationen für Kopieren & Einfügen aus Agenturmeldungen. Medien-Watchblogs wie bildblog.de oder kobuk.at berichteten regelmäßig über weiterverbreitete Fehler, die durch unhinterfragtes Übernehmen entstanden. Der zunehmende Druck der permanenten Echtzeit-Berichterstattung tut sein Übriges: Im Internet kursiert das Bonmot, die ersten WebjournalistInnen im Live-Newsroom seien nach Ägypten, Libyen und Fukushima bereits tot vom Bürostuhl gefallen. Bei Fukushima merkte man es besonders: Wichtig war, die Meldung möglichst schnell online zu haben. Die Aufbereitung der phrasenhaften Strahlenzahlen übernahmen dann jedoch Blogger, die, mit dem nötigen Wissen ausgestattet, sich dafür Zeit nahmen.

Facebook ist das neue Google-News

Der Zeitdruck in den Online-Redaktionen kommt nicht von ungefähr. Eine Analyse von Yahoo ergab, dass 70% aller Interaktionen zu einer Newsmeldung auf Facebook innerhalb der ersten 24 Stunden passieren. Wer seine Meldung als Erster in den virtuellen Freundeskreis einspeist, erhält auch die meisten Klicks. Und diese werden immer Wichtiger: Der Zufluss von LeserInnen aus Facebook gewinnt für Online-Portale stetig an Gewicht, während Google – wenngleich immer noch für 45% aller Besuche verantwortlich – zunehmend verliert. Dies wissen auch die Verlage: während die New York Times ihre Paywall (die volle Website wird nur noch zahlenden AbonnentInnen zugänglich sein) hochzieht, will sie weiterhin für BesucherInnenströme aus Social-Networks erreichbar sein.

Auch für die ursprünglichste Aufgabe des Journalismus – der Auswahl von Nachrichten – besteht im Webuniversum noch mehr als genügend Arbeit. Dass der Twitter-Informationstsunami einen schnell wegspült, erlebt jede/r am eigenen Leibe, wenn er oder sie mehr als 300 Personen „folgt“.

Informations-Paralleluniversum

Die Umwandlung der Informationskanäle vom „Selber-aussuchen“ zum „Empfohlenbekommen“ trübt jedoch die Vielfalt der eigenen Wahrnehmung. Durch den Konsum einer Tageszeitung mit ihrer redaktionellen – und beschränkenden – Aufarbeitung des Informationsflusses hatte man auch die Möglichkeit über Gebiete informiert zu werden, die man vielleicht persönlich gar nicht am Radar hatte. Das Zusammenstellen einer Online-Informationssammlung folgt dabei anderen Prinzipien: Gelesen wird, was mich – und nur mich – interessiert. Dies verleitet zu einem Festhaften im persönlichen Status-Quo.

200 Blogs abonniert und alle transportieren die gewünschte Sichtweise auf die Welt – welch Wunder, wähnt man sich in einem Paralleluniversum, trifft man dann auf die Realität.

Erschienen im URBImagazin 04/11