Warum kein Wort zu irgend jemandem, kein Hilfeschrei? Weil das Leben sich nur noch von Sekundenbruchteil zu Sekundenbruchteil weiter quälen kann; weil ein Quäntchen Kraft übrig sein müsste, um sich auch nur zu rühren. […] Mitten auf dem Gehsteig überfällt sie mich, irgendwelche Angst, Lebensangst, Weltangst; ich weiß nicht recht, wie mir geschieht. Sie ist diffus wie ein Neben. Ein Loch tut sich in mir auf, die Welt um mich herum versinkt zum tristen Nichts. […] Im inneren Machtspiel des Selbst ist Angst im Zweifelsfall stärker als das denkende Ich. […] Angst ist der profunde Einblick in den Aufbau und die Zusammensetzung von Wirklichkeit und Welt, in das untergründige Sein, das gegenüber allem vordergründigen Schein faszinierend und erschütternd in seiner Nacktheit ist. Alles wird zu nichts in der Angst. […]

Aber nur wer tief unten ist, sammelt die Kräfte für den Weg nach oben. Am Anfang von so vielem ist die Angst.

Wilhelm Schmid (2007): Mit sich selbst befreundet sein – Von der Lebenskunst im Umgang mit sich selbst. Suhrkamp: Frankfurt/Main