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Technologie, Landwirtschaft und eine Prise Politik.

Im Hafen der FLUG

23. Mai 2011 19:54 von Fuchsy | Permalink | Kommentare (0) | Kommentare via RSS

Der Versuch einer konstruktiven Erwiderung: Im Artikel von David und auch anderswo war Kritik zu lesen. Kritik an der Fachschaftsliste, vorgetragen in langen Texten, manchesmal gewürzt mit Emotionen. Die Aussagen pauschal im Fraktionsfilter auszublenden, würde ihnen jedoch Unrecht tun. Hinter manchen Anschuldigungen versteckt sich ein Körnchen Wahrheit.

Die Kritik an der FLUG umfasst, in meiner Wahrnehmung, zwei verschiedene Ebenen:

Zwischen zu viel und zu wenig ›links‹

Die Frage nach dem "WAS" - unsere Grundsätze: Hier wird es sehr schwierig auf Kritik einzugehen und diese zu beherzigen, weil damit an den Grundfesten der Existenz der Fachschaftslisten gerüttelt wird. Beim kleinsten Widerstand (noch dazu von außen) sich nach dem Winde zu drehen, erzeugt eine Beliebigkeit die nicht in unserem und nicht im Interesse der anderen Fraktionen sein kann. Wenn, dann wird ein solcher Prozess intern stattfinden. Auch ich gehe nicht her und gebe GRAS/VSSTÖ/etc "gut gemeinte Vorschläge" zur Verbesserung ihres Parteiprogramms. Dies soll aber natürlich nicht bedeuten, dass Kritik daran per se als unerwünscht gilt.

Ich kann gut verstehen, dass politischen Menschen, die aufgrund ihrer Überzeugung Mitglied in einer Partei sind, mit der Grundausrichtung der FLUG/FLÖ unzufrieden sind, pickt sie sich doch damit gewisse Bereiche heraus, ohne weitere gesellschaftspolitische Verantwortung übernehmen zu wollen. Allerdings darf und soll es in einem demokratischen Raum Platz für ebensolche Fraktionen geben, letztendlich entscheidet hier der/die Wähler/in über ihre Existenzberechtigung.

Ähnliche Entwicklungen – weg von einer Parteienpolitik, hin zu unabhängigen Bewegungen – gibt es aber im allgemeinen politischen Spektrum (die wachsende Rolle von NGOs darf als Beispiel genommen werden). Uns als Fraktion für die Entwicklung aber ebenjenes Zeitgeist verantwortlich zu machen, ist ein bisserl weit her geholt (das wir davon durchaus profitieren, keine Frage). Konkret zurückweisen möchte ich den wiederkehrenden Vorwurf des "Neoliberalismus der FLUG": Dies stimmt einfach nicht, nicht mal bei einer sehr kritischen Analyse. Das Auftreten gegen Kürzungen und die Forderungen nach einem Ausbau des Beihilfensystems kann man bei der FLÖ (Bundesverband der Fachschaftslisten) nachlesen, die ein Sozialkonzept erarbeitet hat, dass sich nicht so großartig von Grundsicherung/Grundstipendium unterscheidet: http://fachschaftslisten.at/files/2011/04/pressemappe_floe_2011_2013_web.pdf

Außerdem wird hier "neoliberal" als Todschlagargument verwendet: "Hirn statt Parteibuch" besagt ja nicht die Aufgabe einer Solidarität, sondern das Engagement auch abseits von traditionellen Parteien möglich ist. Attac oder anderen NGOs wird in einer solchen Argumentation auch nicht "Neoliberalismus" unterstellt.

Innen und Außen

Die Frage nach dem "WIE" - Wahrnehmung als handelnde Fraktion: Hier wird Kritik schon brauchbarer, weil mögliche Handlungsoptionen bestehen. Das in der Vergangenheit viel Porzellan zerschlagen wurde, kann man an den teilweise emotionalen Statements herauslesen. Viel läuft hier sicher auf persönlicher Ebene ab und mit dem Abgang der handelnden Personen verschwindet oft auch das "Problem", allerdings bleibt ein gewisser Geruch doch haften. Der Grundsatz der "Unabhängigkeit" wird oft zu einer zu starken persönlichen Überzeugung, der die Arbeit der anderen Fraktionen automatisch delegitimiert. Ich traue mir zu sagen, dass dies nie absichtlich geschah und geschieht, aber diese Dynamik wurde/wird unterschätzt. Und genau hier sehe ich die Diskussion gewinnbringend für beide Seiten.

Um auf einen weiteren Vorwurf einzugehen: Fast alle unsere Mitglieder kommen aus IGen/StVen und machten die klassische ÖH-Ochsentour (IG-StV-FV-UV) mit, bei anderen Fraktionen gibt es mehr Quereinsteiger (ob dies besser oder schlechter ist beantworte ich hiermit nicht). Sicher loben wir uns der vollbrachten Tätigkeiten, die Mitglieder der FLUG in StVen erreichen, auch kann teilweise von "Vereinnahmung" gesprochen werden. (wieweit wir übers Ziel hinausschießen darf - und soll auch - kritisiert werden). Aber das wir für einen "Fraktionswahlkampf" in den StVen auch nur ansatzweise verantwortlich sind, entspricht nicht den Tatsachen. Ich kenne nur Beispiele, wo gemeinsam gegen Scheinkandidaturen aufgetreten wurde (zB. Romanistik, vor zwei Jahren USW).

Nicht alles bei der FLUG ist eitel Wonne, dass verstärkt Kritik auftaucht, hat sicher mit einer arroganten Außenwahrnehmung der FLUG zu tun. Aber wenn die Kritik lautet, dass wir andern Fraktionen die Legitimation zur ÖH-Arbeit absprechen, bitte ich die KritikerInnen sich im Umkehrschluss nicht in den gleichen Verallgemeinerungen zu verbeißen.

Um den Allmachtsanspruch zu kontern: Mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit geht die FLUG nicht mit einer 2/3 Mehrheit aus den Wahlen hervor. Sollte sie in einer zukünftigen Exektuive beteiligt sein (zu entscheiden haben dies andere, ich wünsche es ihr jedoch), so wird sie sich mit den (gesellschaftspolitischen) Ansichten ihrer/ihres Koalitionspartner/innen auseinandersetzen müssen. Dass sie dies kann und dazu auch bereit ist, da bin ich mir sicher.

Der Autor ist, wie unschwer herauszulesen, Mitglied der FLUG (Fachschaftslisten Uni Graz)

Textupdate: 24.05.2011, 06:07: Sprachliche Schnitzer und Rechtschreibfehler entfernt

re:publica IX – Rückblick Tag 3: Nichts geht mehr

19. April 2011 16:31 von Fuchsy | Permalink | Kommentare (0) | Kommentare via RSS

Nähern wir uns also dem Ende der re:publica, Tag drei, Ausklang und Rückblick, zwischen Cyberwar, Weltkulturerbe und Online-Feminismus. Das Platzangebot war verschärfte sich ab Freitagmittag abermals noch, da der größte Veranstaltungsort, der Friedrichstadtpalast, für seine regulären Veranstaltungen freigegeben werden musste. Jonny Haeusler betone in seiner Abschlussrede auch, dass das Konzept für die nächste re:publica wohl überdacht werden muss. In seiner Schlusssession hieß es dann satirisch: „Was hat das Internet je für uns getan?“. Und zum Ende hin sangen alle:

Schön war die re:publica. Für mich ging es nachher auf der re:campaign noch weiter, ob davon auch so detailliert berichtet wird, ist eher fraglich (ich tippe auf: nein).

Anzumerken sei noch, dass alle englischen Sessions prinzipiell interessanter waren als die deutschen (wenngleich es auch hier Highlights gab). Sicher zählt der Celebrity-Faktor, jemand x-Beliebigen lässt man nicht einfliegen, zeigt aber doch, dass die deutsche Digitale Gesellschaft noch ein Stücklein des Weges vor sich hat um intellektuell (aber auch simpel vortragstechnisch) aufzuschließen.

Ansonsten: Club-Mate schmeckt mir immer noch nicht. Und knapp 50.000 Tweets.

Cyberwar und seine Folgen für die Informationsgesellschaft.

(Sessioninfo)

Sandro Gaycken gab einen Ein- aber auch Ausblick über die Kriegsführung im digitalen Zeitalter. „Cyberwar“ ist für ihn dass „Militärs das Hacken entdeckten“, denn in der Informationsgesellschaft existieren genügend elektronische Angriffspunkte, die Anfällig für Attacken sind. Gleichzeitig hat Cyberwar auch Abschreckungspotential: Während die IT-Sicherheit in der Vergangenheit „nur“ mit einfachen Hackern und Script-Kiddies zu tun hatte – und damit schon genügend Probleme hatte – stehen jetzt „Hackerarmeen“ bereit. Als Beispiel kann „Stuxnet“ dienen: Wiewohl erst der Einstieg, war es der erste Virus, der sich auf einen Staat zurückführen lässt.

Die Hackerarmeen operieren dabei nicht unabhängig vom restlichen Militär: Vor allem in Hochsicherheitsbereichen, die physikalisch vom Internet getrennt sind, benötigt es die Hilfe von klassischen Spionen und Informanten um in die Netzwerke eindringen zu können. Ein anderes Einfallstor bieten die Supply-Chain-Ketten – schleust man manipulierte Computerchips in den Fertigungsprozess ein, hilft selbst das bestgesichertste Netzwerk kaum noch. Dies ist ein wunder Punkt: Während vornehmlich auf über Internet-Sicherheit diskutiert wird, übersieht man die Angriffsmöglichkeiten von Innentätern und über Zulieferketten.

Ein großer Unterschied zur klassischen Kriegsführung ist das Attributionsproblem des Cyberwar: Angriffe lassen sich nicht eindeutig auf einen Täter zurückführen. Dies bewirkt, dass Diplomatie, aber auch Abschreckungsmaßnahmen, wirkungslos werden, weil der Angreifer nicht eruiert werden kann. Auch besteht durch „False-Flag-Operations“ die Gefahr, bewusst auf eine falsche Fährte gelockt zu werden. Lässt sich aber die Indizienkette nicht eindeutig argumentieren, so fällt auch die Möglichkeit für militärische Gegenoperationen. Auch eine Überwachung des Internets löst das Attributionsproblem nicht.

Cyberwar beschränkt sich nicht nur auf militärische Kriegstechnik, sondern kann auch zum Angriff auf Infrastruktur oder das Wirtschaftssystem („Economic-Operations“) Verwendung finden. „Information-Operations“ (InfoOps) kennzeichnen sich durch Manipulation der öffentlichen Meinung. Vor allem Schwellen-Informationsgesellschaften, die noch keine vertrauensvollen Strukturen geschaffen haben, sind anfällig für Propaganda und manipulierte Meinungsbildung. Aber auch in etablierten Strukturen lässt sich durch eine Falschmeldung in Social-Networks im entscheidenden Moment die Meinungsbildung manipulieren. Die Informationsgesellschaft befände sich dann auf dem Wege zur Desinformationsgesellschaft.

Wikipedia als Weltkulturerbe?

(Sessioninfo)

Von Wikimedia-Deutschland, dem lokalen Ableger der Wikipedia-Trägerorganisation Wikimedia, waren Catrin Schoneville, Sebastian Sooth und Pavel Richter anwesend und gaben einen Einblick in die Entwicklung und Zukunftsprojekte der deutschen Wikipedia. In ihrem Bericht widersprachen sie auch der Meinung, dass die deutsche Wikipedia an Autorenschwund leide: Wenngleich die Zahlen stagnieren, sind in derzeit ca. 20.000 Personen aktiv (mind. ein Edit in vier Wochen), davon 7000 als regelmäßige Schreiber mit mindestens fünf Edits auf unterschiedlichen Seiten. Gleichwohl betonen sie auch, durch Initiativen (bspw. Projekt „Silberwissen“ für ältere Menschen) frische Autoren gewinnen zu wollen.

Hauptaugenmerk der Session lag jedoch in der neuen Initiative „Wikipedia muss Weltkulturerbe werden“. Was sich auf den ersten Blick anhört als PR-Gag ist jedoch ernst gemeint. Die Definition der UNESCO von 1972 („Maßgebend ist die Herausragende universelle Bedeutung des Kulturguts aus historischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen“) möge auch passend sein, wichtiger ist ihnen jedoch der Gedankenanstoß, ob digitales Gut überhaupt „Weltkulturerbe“ werden kann oder das Web eine Neuausrichtung der UNESCO-Definition verlangt. Im Zuge dieser Debatte soll auch die Wikipedia selbst hinterfragt werden, wie sie in den 10 Jahren ihres Bestehens den Umgang mit Wissen veränderte und gestaltete.

Konkrete Ziele werden mit der Initiative ebenso verfolgt, im Vordergrund steht dabei eine Wertschätzung der Arbeit der Wikipedianer. Weiter soll damit eine Information und Aufklärung über freies Wissen erfolgen, sowie eine Sensibilisierung und eine Bewusstmachung für den richtigen und kritischen Umgang mit freiem Wissen. In der Publikumsdiskussion kam dann noch ein Punkt hinzu: Staaten müssen Weltkulturerbegütern besonderem Schutz zukommen lassen – und dies kann für die Wikipedia in der Diskussion um Netzsperren oder Netzneutralität von Bedeutung sein. Wobei betont wurde: Staatlicher Schutz ja, aber keinesfalls Einflussnahme.

Du bist Terrorist

Satirische Kurzfilme fürs Netz (Sessioninfo)

Den Kurzfilm „Du bist Terrorist“, der die ständige Zunahme der Überwachung kritisch hinterfragt, kennen wahrscheinlich viele von euch (wenn nicht, hier anschauen). Alexander Lehmann, Macher des Films, gab sympathisch mit Anekdoten gewürzt einen Einblick in die Hintergründe seiner Arbeit. Entstanden ist das Video während seines Praktikumsaufenthaltes in Kanada, wo er die Diskussion über Internet-Überwachung in Deutschland mitverfolgte. Richtig populär wurde sein Film allerdings erst, als die Werbeagentur der Kampagne „Du bist Deutschland“ ihn abmahnte. Mainstream-Medien sprangen in die Berichterstattung auf (Streisand-Effekt anyone?) und die Rollenverteilung (kleiner Netzaktivist vs. große Werbeagentur) verhalf ihn zu zusätzlichen Sympathien, denen die Agentur schlussendlich nachgeben musste. Daher auch sein augenzwinkerndes Statement: Ein guter Film hilft nichts, es muss erst einen „Skandal“ geben, damit darüber berichtet wird.

Ein Kurzfilm stellt für ihn die ideale Basis da, um ein Thema zu popularisieren. Durch die Visualisierung der Darstellung kann die Aussage prägnant auf den Punkt gebracht werden, die Dramaturgie vermittelt Bestimmtes hervorgehoben. Hinzu kommt die einfache Distribution über Videoportale. Persönlich hat sich für Alexander das Video schon gelohnt: Der Kurzfilm gewann Filmfestival-Preise und er fand einen Job.

Cyberfeministinnen und Girls on Web

(Sessioninfo)

Ein Generationentreffen von Netzaktivistinnen: Online-Aktivistinnen der ersten Stunde trafen auf die neue Bewegung der Bloggerinnen um über Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, zu diskutieren. Nachdem die Diskussion sehr spannend war, gibt’s das lange Protokoll als separaten Blogbeitrag später mal.

ICONS

Eine ikonografische Profilbildanalyse der deutschen Digital-Szene (ohne Sascha Lobo)(Sessioninfo)

Kixka Nebraska über die Aussage von Profilbildern im Allgemeinen und über manche Prominente der Netzszene im Besonderen. Sehr unterhaltsam, daher auch kein Protokoll (und ohne die Fotos/Profibilder sowieso sinnlos).





Das war die re:publica ...


... und das auch.

re:publica IX – Rückblick Tag 2: Shitstorms und Klitoris

18. April 2011 16:30 von Fuchsy | Permalink | Kommentare (0) | Kommentare via RSS

Wir schreiben Tag zwei der digitalen Sause re:publica. Der Regen ist halbwegs einer Nur-Bewölkung gewichen und auch das Wlan funktioniert noch (soll in der Vergangenheit nicht immer so gewesen sein). Und mittlerweile kann ich mir auch denken, wohin Apple eine Monatsproduktion an iPads hinverkauft hat. Gute Umstände also, sich den nächsten Sessions zu widmen, vor allem weil dieser Tag der für mich persönlich spannendste der re:publica war.

The Internet of Elsewhere

The Emergent Effects of a Wired World (Sessioninfo)

Warum begannen bestimmte Entwicklungen in bestimmten Ländern? Welche Voraussetzungen waren nötig, dass bestimmte Ländern schneller digitalen Anschluss fanden, während andere noch kaum Online-Schritte wagten? Cyrus Farivar, Technologieredakteur bei der Deutschen Welle gab anhand ausgewählter Länder Einblicke in die Entwicklungspfade. Zuerst konstatierte er, wenn Internet ein Land betritt, es auf vorhandene gesellschaftliche Strukturen trifft – und diese verändert. Das „Revolutionspotential“, wie in den vergangenen Monaten so hoch hervorgestellt, sieht er nicht direkt, wenngleich er dem Netz eine Akteursmöglichkeit für demokratischen Wandel zuschreibt.

Südkorea weist eine Breitbandversorgung von 90% auf. Auch aus diesem Grund ist das Land ein Mekka für professionellen eSports (Computerspiel-Meisterschaften). Die Breitbandversorgung fußt auf Entwicklungen, die 1982 gestartet wurden: Mit dem System Development Network (SDN) gab es eine erste wissenschaftliche Einrichtung, die sich mit der Vernetzung von Computersystemen beschäftigte.

Als Gegenbeispiel dient Senegal: Farivar beschreibt das Land als „Worlds best least connected country“. Im Subsahara-Raum gilt Senegal mit 60.000 DSL-Anschlüssen bei 12 Millionen Einwohnern als bestvernetztes Land. Durch die hohe Analphabetenquote sind von vornherein große Teile der Bevölkerung von der Internet-Nutzung ausgeschlossen.

Estland wiederum kann als Vorzeigemodell für osteuropäische Länder gelten, die am schnellsten den Sprung nach Vorne schafften. Hier kann als Grund das „Institute of Cybernetics“ in Tallin gelten, dass schon 1960 gegründet wurde – eine positive Aufgeschlossenheit gegenüber Technologien wurde damit in die Bevölkerung gepflanzt. Am Institute of Cybernetics wurde auch der erste Prototyp von „Skype“ entwickelt. Nach der Unabhängigkeit von Russland wurde schnell beschlossen, dass gesamte Land zu vernetzen, auch in eGoverment und flächendeckendem WLan ist Estland Spitzenreiter. Als einziges Land weltweit deklarierte es bereits Internetzugang als Menschenrecht.

Wenn es um Menschenrechte geht, dann darf der Iran als Negativbeispiel gelten. Es war der erste Staat weltweit, der einen Blogger verhaftete und schon 2002 eine eigenständige Polizeieinheit für „Internet-related Crimes“ gründete. Cyrus Farivar, selbst Halb-Iraner, betonte warum die Revolutionen in Tunesien und Ägypten nicht als Vorlage für den Iran dienen können: Während sich in den genannten Ländern die Armee und Polizei zurückhielt, zeigte sich im Iran bereits, dass es dort keine Bedenken gibt, auf Demonstranten zu schießen.

Virtueller Rundfunk

Wer reguliert das Internet? (Sessioninfo)

Zurückzuführen ist die Session auf einen nicht 100% ernst gemeinten Versuch der Isarrunde ihren Twitter-Kanal als Rundfunksender eintragen zu lassen. Der ernste Hintergrund dabei: Während die klassischen (Rundfunk)-Medien den jeweiligen staatlichen Regulierungsstellen unterworfen sind (auch für Privatmedien gibt es ein Korsett an Verpflichtungen), so definiert sich die Regulierung in den neuen sozialen Medien durch die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Plattform. Als Beispiel wurde Bravo-TV genannt: Früher auf RTL II und reguliert durch die Hessische Landesmedienanstalt, erscheint sie nun als Web-TV in Schüler-VZ und hat die Geschäftsbedingungen des Netzwerkes zu akzeptieren. Verschwinden Beiträge aus Sozialen Netzwerk, hat dies kaum mit „Zensur“ zu tun, sondern mit einem Verstoß gegen eben diese Nutzungsbedingungen. Denn, die privaten Plattformanbieter sind ausschließlich wirtschaftlichen Gründen verpflichtet und nicht wie Regierungen – wie im Idealfall – ausschließlich ethischen.

Die Verfügbarkeit von kostenlosen Inhalten sieht Michael Praetorius nicht als wirtschaftliches Problem: Wo früher kostenlose Werbegeschenke verteilt wurden, ist kostenloser Content auf Plattformen das heutige „Give-Away“ um Besucher auf ihre Seiten zu locken. Inhalte müssen heute jedoch auch Interaktionen erzeugen, es reicht nicht, nur gefunden zu werden. Allerdings kritisiert er die ungeprüfte Übernahme von Quellen im Web ohne journalistische Grundsätze.

Wenn Medien als „vierte Gewalt“ gelten, so werden soziale Netzwerke zunehmend eine „fünfte Gewalt“: Ihnen obliegt die Regulierung der Medien. Der –mündige– User kann durch seine Partizipation an den Plattformen diese wiederrum selbst regulieren. Allerdings ist hier die Medienpolitik gefragt, die einen Internet-Zugang noch nicht als Menschenrecht anerkennt. So ist die Pfändung eines Computers, entgegen des eines Radios, möglich. Zugangssperren aufgrund von Urheberrechtsgesetzen und eine Aufgabe der Netzneutralität bringen ebenso eine Gefahr für die Partizipation von Menschen mit den neuen Medien.

OMG!! Das Ende der Welt!!!!EINS!ELF!!!!

Schon wieder? (Sessioninfo)

Eine leichtfüßige Diskussion mit Carolin Buchheim, Maike Hank, Jens Scholz, Bov Bjerg und Konstantin Klein aus dem Inneren der Blogosphäre über Shitstorms – von Basicthinking/Linkwerbung bis zu Nerdcore/Euroweb. Und worin eigentlich der Unterschied zwischen Hype und Shitstorm besteht: Ein Hype ist der gute Krieg.

Leaking Transparency

Whistleblowing und Journalismus (Sessioninfo)

Der spannenden Frage des neuen Wirkungsgefüges zwischen Whistleblowing-Plattformen, neuen Medien und klassischem Journalismus widmete sich diese hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Am Podium vertreten waren Daniel Domscheit-Berg, (Wikileask/Openleaks), Peter Schaar (Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit), Horst Pöttker (Professor für Journalistik, TU Dortmund) und Lutz Hachmeister (Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik). Geleitet wurde die Diskussion von Herausgeber Jakob Augstein (Der Freitag).

Augstein stelle in seinem Eingangsstatement auch seine Sichtweise auf die veränderte Mediensituation vor: Wikileaks bedurfe der „klassischen Medien“, die die Auswertung und Verifizierung der Daten übernehmen. Hier sei auch der fortschrittliche Journalist gefragt, den vorbereitet auf den „Leaks-Journalismus“ sind nur die wenigsten.

Horst Pöttker schließt sich dem an: Whistleblowing kann vernachlässigte Themen in den Vordergrund rücken, am Anfang und am Ende steht noch immer der „klassische Journalismus“. Netzkommunikation kann diesen Themen jedoch den nötigen „Drive“ geben. Als Beispiel nannte er Guttenberg: Ein Radiointerview gab den Anstoß für „Guttenplag“ und ohne „Guttenplag“ währen die klassischen Medien nicht auf diesen Zug aufgesprungen und hätten jene Öffentlichkeit erzeugt, die den Verteidigungsminister letztendlich zum Rücktritt gezwungen haben. Daniel Domscheit-Berg widersprach ihm auch nicht: Es benötigt Leute, die Kontext und Inhalt außenherum schaffen.

Die Argumentation von Horst Pöttker sprach die Zwickmühle des Journalismus an: Medien wurden in den letzten Jahren immer stärker, die Arbeit und das Ansehen des Journalisten selbst profitierten davon allerdings nicht. Auch stellt er die derzeitige Ausbildung der Journalisten für die Beherrschung der riesigen Datenmengen in Frage: Die Flutwelle an Informationen in Leaks auswerten, darauf sind sie noch nicht vorbereitet. Generell meint er, dass der Journalismus in Zukunft von „Nachrichten“ nicht mehr leben wird können. Ausrichtung und Aufarbeitung von Geschehnissen werden wichtiger, dieser Trend ist jetzt schon daran abzulesen, dass Wochen- und Monatszeitungen ihre Auflagen halten können, während Tageszeitungen stark verlieren.

Aus seinem Lernprozess im Umgang mit Journalismus erzählte Daniel Domscheit-Berg, wie interessant es zu verstehen war, wie Öffentlichkeit durch Journalismus erzeugt wird. Allerdings ist ein Mythos „Wikileaks“ keine funktionale Lösung, es bedarf einer nachvollziehbaren offenen Plattform für Whistleblowing. So bestimmt bei Openleaks der Whistleblower, wen er die Informationen für welchen Zeitraum exklusiv zur Verfügung stellt und nicht die Plattform. Exklusivität im Journalismus hält Daniel allerdings generell für keine Zukunftslösung, denn es ist nicht Effizient für die Gesellschaft, wenn der offene Informationsfluss nicht gegeben ist.

Das Medien für die Verifizierung der Daten gefragt sind, dass bestätigte auch Peter Schaar. Denn in Zukunft könnte davon ausgegangen werden, dass Whistleblowing-Plattformen auch gezielt für Desinformation und Manipulation verwendet werden könnten. In seiner Rolle als Datenschutzbeauftragter warnte er auch den Journalismus und die Plattformen: Medien seien dann zu kritisieren, wenn sie verantwortungslos mit Daten um sich würfen, die einen persönlich betreffen. Und die Plattformen als IT-System könnten keine 100%ige Sicherheit garantieren. Gelänge es, in diese Systeme einzubrechen, bestünde große Gefahr für die Informanten.

In der Abschlussrunde ging es dann noch um einen Ausblick auf die Zukunft: Wie werden Politik und Geheimdienste zunehmend auf Whistleblowing reagieren? Lutz Hachmeister stelle eine „Datenreduktion“ in Aussicht, denn es muss permanent befürchtet werden, dass alle anfallenden Daten geleakt werden könnten. Peter Schaar sah auch im Fortschritt von „Open-Data“ eine Möglichkeit: Informationen gehören zur Demokratie und Drängen nach außen. Geben die Institutionen selbst und transparent die Daten frei, so nimmt es den Druck, diese zu „leaken“ – verbunden mit dem möglichen Manipulationspotential. Daniel Domscheit-Berg sah die zukünftigen Entwicklungen gestaffelt: Kurzfristig, da ging er mit Hachmeister einher, werde wohl weniger aufgeschrieben. Allerdings werden die Organisationen dann schnell merken, dass sie damit auch handlungsunfähiger würden. Die mittelfristige Lösung, es mit technischen Schutzlösungen zu probieren, sei auch nicht zukunftsfähig, dies sah man schon bei diversen Kopierschutzlösungen. Auf lange Sicht gesehen stimmte er Peter Schaar zu, dass es wünschenswert wäre, wenn die Informationen von den Organisationen selbst herausgegeben würden.

Was macht eigentlich der digitale Mensch?

(Sessioninfo)

In dieser Session ging es vor allem um harte Zahlen und Fakten. Lisa Peyer und Markus Winkler machten sich zur Aufgabe, eine Zusammenfassung von verschiedensten Studien aus 2010 und Anfang 2011 zu präsentieren, die den „digitalen Menschen“ zum Inhalt hatten.

Aus dem kredenzten Zahlensalat einige Infohäppchen: Wenngleich die digitale Gesellschaft große Teile der realen Bevölkerung abdeckt, so sehen sich über 50% der Internet-User selbst als Gelegenheitsnutzer oder „digitale Außenseiter“. Anders die Situation bei Jugendlichen: hier haben 100% in ihrem Haushalt Zugriff auf einen Computer oder Handy. Interessant auch die durchschnittliche Online-Verweildauer: diese ist von 2003 auf 2009 sogar leicht gesunken, von 138 Minuten auf 136 Minuten. Abgerufen werden von Durchschnittsusern im Monat nur 82 unterschiedliche Domains, die durchschnittliche Verweildauer auf einer einzelnen Seite beträgt dabei gerade mal 44 Sekunden. Beobachten lässt sich allerdings kein Substitutseffekt gegenüber anderen Medien: Die Gesamtmediennutzung stieg an, derzeit liegt sie bei über 10 Stunden täglich.

In den vielhypten Social-Networks hat Otto Normalverbraucher, je nach Land, zwischen 57 und 130 Freunde. Und nur lediglich 15% nutzen auch Marken-Profile (Fanpages) . Bei Twitter ist die Verteilung noch drastischer: 22% aller Twitter-User produzieren über 98% des Contents

Alle ausgewerteten Studien gibt es hier in einer Übersicht.

Film und Gesellschaft: Darstellung des Internets im Film

Wie sich die Darstellung des Internets im Film gewandelt hat. (Sessioninfo)

Leider stand auf der re:publica so manche Workshopbeschreibung im Widerspruch zur eigentlichen Darbietung. So auch hier: was sich vorab interessant anhörte war im Nachhinein leider ein Reinfall. Zu unstrukturiert, zu schlecht vorbereitet, zu schlecht vorgetragen.

How feminist digital activism is like the clitoris

(Sessioninfo)

Netzaktivistin und Feministin Jaclyn Friedman gab in dieser kurzweiligen Session zu besten, warum sich digitaler Aktivismus und die Klitoris ähneln. So wie die Überschrift knallig gewählt war, so war es inhaltlich höchst interessant. Ihr Eingangsstatement gab auch gleich die Richtung des Vortags vor: „Männer finden die Klitoris nicht und Medien finden die feministischen Internet-Aktivistinnen nicht.“ Sie verwies damit auf die klassischen Medien, die Kampagnenarbeit von Online-Aktivistinnen größtenteils ignorieren. In diesem Zusammenhang gab sie auch Einblicke in die #mooreandme-Kampagne (Nachzulesen sind die Hintergründe bei der Mädchenmannschaft), die ausgehend von einem Online-Shitstorm schließlich auch die klassischen Medien erreichte. Kritisch hinterfrage sie auch kontextlose Aktionen, wie die Bekanntgabe von BH-Farben auf Facebook: der Inhalt der Kampagne (hier der Kampf gegen Brustkrebs) wurde schlicht nicht vermittelt.

Die weiteren Aussagen, die nicht nur für feministischen Aktivismus gelten:

  • Weder die Klitoris, noch der digitale Aktivismus, sind ein einfacher Button der nur gedrückt werden muss
  • Aktivismus und Klitoris sind auch komplizierter, als sie zunächst aussehen
  • Beides braucht Stimulierung: Aktivismus ist keine Waschmaschine mit abrufbaren Programmen
  • Humor ist wichtig und hilft sehr
    In diesem Zusammenhang gab sie auch einen Einblick in das Troll(un)wesen: Im Internet werden Frauen, sobald sie – aus Sichtweise der Trolle – zu viel Platz einnehmen, gejagt. Dabei reicht die Spannweite von Beschimpfungen bis zur Veröffentlichung privater Adressen. Aufbauen darauf die nächste Aussage:
  • Beziehungen und Vertrauen zählen auch Virtuell
    Dazu zählen für sie auch soziale Netzwerke – die virtuelle Gemeinschaft ist der Nährboden und Grundstein für jeden Aktivismus. Obwohl für Facebook und Twitter nur ein kleiner Teil jeder Kampagne sein können: sich darauf zu beschränken wäre wie schlechter Sex.
  • Es ist Teil eines größeren Systems
    Ein Facebook-Fotoalbum mit Protesterinnen aus Ägypten erfühlte beispielsweise die Funktion, die von Mainstream-Medien ignoriert worden war: Die Rolle der Frauen in der Revolution. Es galt diese „sichtbar“ zu machen.
  • Manchmal zahlt es sich aus, sich in die Materie einzuarbeiten
    Als Beispiel wurde die aktuelle Anti-Abtreibungskampagne von religiösen Rechten in den USA genannt: Den riesigen Anzeigetafeln der Kampagne war mit direktem Aktivismus nicht beizukommen. Es zeigte sich jedoch nach Sichten der rechtlichen Grundlagen, dass die Plakatwände größtenteils illegal angebracht wurden.
  • Qualität vor Quantität
  • Manchmal ist es besser, sich auf das Wesentliche zu beschränken
  • Nicht nur reagieren, sondern auch agieren
    Selbst Aktzente setzen, für etwas eintreten, statt „dagegen“ zu sein. So zeigten Auswertungen, dass nur 14% der Wikipedia-Autoren Frauen sind. Statt gegen diesen Missstand nur zu protestieren, wurde man selbst aktiv und gab ein „How-to“ heraus um Frauen zu animieren, Inhalte für die Wikipedia beizutragen. Der Leitfaden war ein solcher Erfolg, dass Wikimedia (die Organisation hinter Wikipedia) diesen Leitfaden übernahm.
  • Die ganze Frau zählt
    Beschränkt man sich nur auf einzelne Faktoren, erzielt man keine funktionierende Kampagne und verliert auch das große Bild aus den Augen: Was wollen wir erreichen, wo liegt unser Ziel?

Der Bericht ist voll einseitig und mies recherchiert!

Wenn TV auf Social Media trifft (Sessioninfo)

Dass man als Community-Administrator einer Satiresendung im Netz dem Trollwesen in besonderer Weise ausgesetzt ist, berichteten zwei Community-Manager von extra3 und quer. Beide zeigten neben Ausschnitten aus ihren Sendungen auch ein „Best-of“ (eigentlich: „Worst-of“) an nicht freigeschalteten Blog- und E-Mail-Kommentaren.

Die Mehrheit der Troll-Kommentare lässt sich ihrer – nachvollziehbaren – Aussage nach in fünf Kategorien unterteilen:

  • Zu links!
  • Zu rechts!
  • Zu schlecht recherchiert!
  • Zu blasphemisch!
  • Dafür zahle ich GEZ?

Neben dem Blick auf Leserpost wurde auch ein Einblick in das Online-Community-Management gegeben. Ihren Dienst beschreiben sie als Mischung aus „Animateur, Kindergärtner, Müllmann und Richter“. Das Kommentare im Zaum gehalten werden müssen, sehen sie als Verpflichtung gegenüber der Mehrheit, die nicht kommentiert und nur liest oder sachlich argumentiert. Dem „Zensur!“-Vorwurf ist beizukommen, in dem man Transparenz pflegt und erklärt, warum Beiträge nicht freigeschaltet oder gelöscht wurden.

Interessant ist bei x3.de auch, dass ihre Sendung schon vor der TV-Ausstrahlung vollständig im Netz veröffentlicht wird. Ein Sinken der Einschaltquoten konnte dadurch nicht beobachtet werden.

re:publica IX – Rückblick Tag 1: Der Troll wird zur Wissenschaft

14. April 2011 21:23 von Fuchsy | Permalink | Kommentare (0) | Kommentare via RSS

Es heißt re:publica, es bedeutet das große Stell-dich-ein der deutschsprachigen digitalen Szene im verregneten Berlin. Es bedeutet auch eine höher Gadget-Dichte als in einem Elektronikladen und die Twitterwall wertet zu Spitzenzeiten über 25 Tweets/Minute, gehashtagged mit #rp11, aus. Das, was sonst virtuell, passiert nun im realen Raum. Unterschied jedoch: Wenn woanders bei einem Ansturm höchstens der Server die Beine streckt, sind hier die kleineren Vortragsräume teilweise heillos überfüllt. An so mancher Tür klebte daher auch schon ein „Error 503“-Sticker.

Dennoch hat es bereits mehr als ausgezahlt, hierherzukommen (danke ÖBB, für das 39,-- Euro Schlafwagenticket). Ein Rückblick auf die besuchten Sessions am ersten Tag, den gesamten Kalender gibt’s hier.

Design Thinking

Design ist zu wichtig, um es den Designern zu überlassen (Sessioninfo)

Die Eröffnungssession. Schwach, ganz schwach. Inhalt zusammengefasst: bla bla bla [wir sind eine internationale hyperinnovative Designfirma] bla bla bla [wir haben da einen neue tolle Crowdsourcing-Plattform für Innovationen] bla bla. Den Namen dieser Plattform vergas ich schon wieder, war auch nicht so wichtig.

Geek Politics and Anonymous

From the Offensive Internet to Human Rights Activism (Sessioninfo)

Wenn der vorige Vortrag noch ein Reinfall war, lohnte sich dieser umso mehr. Gabriella Coleman gab einen wunderbar recherchierten und vorgetragenen Einblick in die Geschichte und Wirkungsweise der „Anonymous“-Bewegung. Wie sie agiert (alles ist dem „Lulz“ geschuldet), wer sie führt (niemand) und welche sozialen Regeln sich diese lose Gruppe für den internen Zusammenhalt gibt (jeder, der sich zu wichtig nimmt, fliegt raus). Colemann leistete auch ein vortreffliches Beispiel dafür, wie man als Anthropologe den digitalen Raum erforscht. Das sei allen Volkskundlern gesagt, die noch „offline“ sind.

Shitstorm? You can do it!

(Sessioninfo)

„Vorgestellt und diskutiert werden prominente Beispiele für subversiven Aktivismus und Social Media Hacks jenseits von Campaigning und Petitionen. Von der #MooreandMe-Kampagne über den Privilege-Denying White Dude bis hin zum neuesten Projekt der feministischen Blogszene: Die Trollmonetarisierungsplattform Hatr.“ Ein Vortrag, auf den ich mich sehr freute. Allerdings war schon eine Viertelstunde vor Beginn des Workshops der Raum überfüllt und kein Einlass mehr möglich. Ratet mal, auf welcher Seite der Tür ich stand. Tja. Fuck.

Wie Schwärme Marken, Märkte und Machtgefüge verändern

Das Web (2.0) und die Zukunft der Energie (Sessioninfo)

Als Eingangsstatement ein abgedroschenes „Die Energiefrage muss nach Fukushima neu diskutiert werden“ und die erste Powerpoint-Folie verkündete das 15 Jahre alte Cluetrain-Statement „Märkte sind Gespräche“. Bullshit-Bingo-Karte schon nach 5 Minuten voll, dass war zu viel. Ich bin gegangen.

Individuality, Technology and Online Life

(Sessioninfo)

Eigentlich war ich nur wegen dem Celebrity-Faktor dort (Mitchell Baker ist die Vorsitzende der Mozilla-Foundation). Präsentiert wurden von ihr die Grundlagen von Mozilla, nachdem sich die Entwicklung ihrer Open-Source-Produkte ausrichtet. Mäßig interessant.

Modern revolutions are digital revolutions

Africa: Tunisia, Egypt and Libya: A signal for the whole of Africa? (Sessioninfo)

Die Podiumsdiskussion stand unter dem Eindrücken der Revolutionen in Nordafrika und beleuchtete die Rolle der digitalen Medien. Zusammengesetzt war das Podium mit Korrespondenten der Deutschen Welle. Kritisch hinterfragt wurde dabei die hervorgehobene Bedeutung und der Einfluss von sozialen Netzwerken: Vom Podium tönte, dass die Aussage „"Modern Revolutions are digital Revolutions" eher lauten sollte „Modern Revolutions are Socity Revolutions“. Man sollte nicht allzusehr auf die Technik schauen, sondern auf die Organisationsfähigkeit der Protestierenden: Ägypten hatte eine Zivilgesellschaft und funktionierende Strukturen, die auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiteten. In anderen afrikanischen Ländern, die stärker vom Stammesdenken geprägt sind, scheitert es oft schon daran. Auch erreicht Facebook in Ländern der Subsahara gerade mal 0,17% der Bevölkerung und eignet sich daher nicht als politische Protestplattform.

Medienkompetenz #wtf

Konkretisierung eines Bildungsziels zwischen Allheilmittel, Teilhabe und Führerscheinen (Sessioninfo)

Jugendliche sollen einen kompetenten Umgang mit (neuen) Medien lernen, darauf können sich meisten einigen. Beim „Wie“ scheiden sich allerdings die Geister. Jürgen Ertelt, Medien- und Sozialpädagoge zerpflückte in seinem Vortrag die unterschiedlichsten Konzepte, denn den Grundsatz der neuen Medien hat kaum jemand verstanden: Es wird nicht nur "benutzen", sondern man partizipiert daran. Als „Worst-of“-Beispiele zählte er die Überlegungen der SPD für „Netzpferdchen“ (ähnlich dem „Seepferdchen“-Abzeichen im Schwimmkurs) oder den generellen Empfehlungen, unpassendes einfach zu „sperren“. Das neue Medien und Social-Networks von Parteien nicht verstanden werden, führt er unter anderem auf die Überalterung der Parteien zurück: Der durchschnittliche SPD-Wähler ist 58 Jahre alt, die CDU liegt mit 56 nur knapp darunter.

Die Vermittlung von Medienkompetenz soll seiner Empfehlung nach dort stattfinden, wo die Jugendlichen sind: In sozialen Netzwerken beispielsweise. Und wer kompetent im Netz agieren soll, braucht Unterstützung, die zur selbstbestimmten Aushandlung von Lebensentwürfen verhilft. Denn die vernetzte Kommunikation muss gefördert werden und auf die Möglichkeit sozialer Kooperationen hingewiesen werden – es geht um die Befähigung der Teilhabe an der (digitalen) Gesellschaft und ihrem Potential. Kritik übte er am neugegründeten Verein digitale-gesellschaft.de: Diese habe vollkommen auf den Bildungsbereich vergessen.

Alles in allem ein sehr gelungener und informativer Vortrag. Die Präsentation gibt’s hier.

Blogs in Deutschland

Eine Untersuchung aktueller Trends aus Perspektive deutscher Blogger (Sessioninfo)

Präsentation einer Studie über deutsche Blogger. Viel Interessantes hatte Stine Eckert nicht zu erzählen, dafür durfte sie dann teils heftige Kritik aus dem Publikum in Empfang nehmen. Bemängelt wurde die geringe Samplinggröße (20 Blogger) sowie fragliches Zahlenmaterial und Definitionsgrundlage (Nur 2-3% aller Deutschen lesen ein Blog? Wie ist definiert als Blog?).

Öffentlicher als öffentlich?

Der Deutungswandel von Privatheit und Öffentlichkeit im Kontext von Twitter (Sessioninfo)

Miriam Feuls las aus ihrer Diplomarbeit vor (anders kann man diesen „Vortragsstil“ leider nicht nennen“). Obwohl das Thema selbst und auch ihre Aussagen, die sie im Interview mit ausgewählten Twitter-Usern gesammelt hat, durchaus interessant waren. Oder gewesen wären.

Policing Content in the Quasi-Public Sphere

(Sessioninfo)

Diese Session war wieder ein Grund, sich zu freuen auf der re:publica zu sein. Jillian C. York, Mitarbeiterin am Berkman Center for Internet & Society, plauderte aus dem Nähkästchen wie sehr man sich durch große Plattform-Anbieter ein eine Abhängigkeitsposition begibt. Denn, wenn die Social-Networks einen (vermeintlichen) Verstoß gegen ihre Nutzungsbedingungen feststellen, wird ohne viel nachfragen gelöscht oder gesperrt. Ganze Accounts oder mühsam zusammengestellte Foto- und Videosammlungen verschwanden so im digitalen Orkus. Aus ihrer Arbeit präsentierte sie zahlreiche Beispiele, vor allem von Human-Rights-Aktivisten, und wie es möglich war, die Sperrung von Accounts wieder rückgängig zu machen. Als besonders gefährdet sieht sie Aktivisten-Accounts auf Facebook: Geben sie nicht ihren richtigen Namen an, können sie einfach über die Funktion „User melden“ von Gegner denunziert werden.

Übrigens: Wer wusste vorher, dass Flickr einen eigenen Human-Rights-Adviser beschäftigt? Und das Youtube-Videos über Gewalt an Protestierenden dann nicht gelöscht werden, wenn sie passend zum Ereignis getaggt sind?

Infos zu ihrer Session gibts auch in ihrem Blog

Jüngste Erkenntnisse der Trollforschung

(Sessioninfo)

Für die einen ist er das Aushängeschild der deutschen Digitalgesellschaft, für die Anderen die „Verona Feldbusch der re:publica“: Sascha Lobo. Was er auf alle Fälle kann: sehr amüsant vortragen. Und damit war er ein würdiger Abschluss des ersten Tages. Via Online-Voting wünschte sich die Mehrheit der Besucher eine Publikumsbeschimpfung und die gab es (mit Augenzwinkern) dann auch. Und sie hatte einen wahren Kern: „Warum werdet ihr nicht gehört? Ihr denkt, wenn ihr Twitter benutzt, erreicht ihr die Öffentlichkeit. Wie idiotisch! Twitter hatte letztes Jahr in Deutschland weniger User als aktive Kanufahrer hierzulande.“

Im zweiten Teil ging es um die Weiterführung seines Spezialgebietes, der Trollforschung. Er knüpft damit an die Erkenntnisse vom Vortrag im letzten Jahr an. Besonders hob er die zwischenzeitlich betriebene Feldforschung im Trollwesen hervor (seiner Aussage nach eigenen sich Feminismus/Gender- und Tech-Blogs sehr gut dafür). Er betrachtet das Internet als Ökosystem: In diesem übernehmen die Trolle die Aufgabe der Destruenten und stellen damit eine wichtige Funktion für die Evolution des Ökosystems dar. Denn Trollen ist die Erprobung des Ernstfalls, ein virtueller Testkonflikt, der auf den Ernstfall vorbereitet und die Community zusammenschweißt.

Unbedingt anschauen, wenn der Vortrag, wie dieser vom letzten Jahr, online verfügbar ist.

Der Enthüllungsjournalist – Zum 85. Geburtstag von „Playboy“ Hugh Hefner

3. April 2011 21:15 von Fuchsy | Permalink | Kommentare (0) | Kommentare via RSS

"Wenn man an Playboy denkt, denkt man unweigerlich an Frauen" meint Beting Dolor, Chefredakteur der philippinischen Ausgabe des „Playboy“. Und dies darf als weltweite Meinung gelten: Der „Playboy“ ist nicht nur in Männer-Köpfen untrennbar verbunden mit viel nackter Haut und seinem Erfinder: Hugh Hefner.

Ausgerechnet in einem konservativen Eck Amerikas erblickte jener Mann die Welt, der heute vielen als Inbegriff der Sünde gilt. Am 9. April 1926 wird Hugh Marston Hefner als erster Sohn in eine Lehrer-Familie hineingeboren, die er später als „gefühlsarmes Methodistenheim“ bezeichnen wird. Sein Vater hatte im Stammbaum William Bradford, den Führer der Auswanderer vom Schiff Mayflower. Jener Bradford, der Vergnügen wie Tanz und Wirtshaus ablehnte, für den Sex außerhalb der Ehe und nackte Haut generell ein Werk des Teufels ward. Es darf als Ironie in die Geschichte eingehen, dass solch ein Mann einen Nachfahren wie Hugh Hefner erhielt.

Vorgezeichnet war sein Weg jedoch nicht und über Hefners Jugendjahre sind weder Partyexzesse noch Frauengeschichten übermittelt, seine Unschuld verlor er nach Selbstaussage mit nicht mehr ganz jungen 22. Dem amerikanischen Durchschnitt folgend diente er in der US-Army, schloss ein Psychologie-Studium ab, arbeite anfangs als Werbetexter und heiratete ganz spießbürgerlich. Die Ehe mit seiner früheren Kommilitonin Mildred Williams hielt ganze 10 Jahre, zwei Kinder entstammten daraus. Doch sein Drang nach Unabhängigkeit veranlasste Hefner 1953 selbst unternehmerisch tätig zu werden, sich seinen Traum von Hochglanzmagazin für Herren zu erfüllen. Ein glückliches Händchen bewies er mit der Wahl seines ersten Titelmädchens: Marilyn Monroe, damals erst am Anfang ihrer Karriere. Und sie sollte nicht die Einzige bleiben, die mit Nacktfotos im „Playboy“ sich ins Gerede brachte.

Journalismus jenseits der Bildunterschrift

Wenn der „Playboy“ eine Institution ist, dann auch als Lieblingshassobjekt religiöser Fundamentalisten, rechter Tugendenbewahrer und linker Feministen, die mit unterschiedlichsten Mitteln – vom Boykottaufruf bis zum Molotowcocktails – gegen die Nackerten zu Felde zogen. Was gerne jedoch übersehen wird, ist der Journalismus des „Playboy“. Natürlich denken nur wenige, wenn sie den Magazinnamen hören, an Text aber es gelang dem Heft mit legendären Interviews – Jimmy Carter etwa oder John Lennon und Yoko One kurz vor dem Tod Lennos – und enthüllende Reportagen sich auch journalistisch einen Namen zu machen. Dies erklärt auch, warum das Magazin bis heute in Ländern mit fehlenden demokratischen Rechten wie China und Singapur, sowie wohl mehr aufgrund seiner Fotos, in allen muslimischen Ländern (ausgenommen Türkei) bis heute verboten ist. In Europa lässt sich beispielsweise das Ende der Franko-Dikatatur am erstmaligen Erscheinen des spanischen „Playboys“ im Jahre 1978 ablesen.

Aber auch in US-Amerika selbst bewies das Magazin stets Progressivität: Schon in den 1960er Jahren saßen Afroamerikaner gleichberechtigt auf dem Sofa der „Playboy-Show“, was dazu führte dass die TV-Show in den amerikanischen Südstaaten nicht ausgestrahlt wurde. Und seit 1965 unterstützt die „Playboy-Foundation“ gemeinnützige Non-Profit-Organisationen, die sich für Meinungsfreiheit und sexuelle Toleranz einsetzen. Das der „Playboy“ auch in Brailleschrift für Blinde erschien, mag man als Gag abtun, aber produziert wurde die Ausgabe, in der die Bilder nicht „abtastbar“ waren, über 15 Jahre lang.

Der inszenierte Mythos lebt weiter

Das Imperium des Hugh Hefner verliert jedoch zunehmend an finanzieller Strahlkraft. Kostenlose Internet-Bildchen und die Krise des Journalismus setzen Unterhaltungskonzern „Playboy Enterprises“ stark zu. Wenngleich der US-Playboy mit einer 2,6 Millionen-Auflage noch immer das meistverkaufte US-Herrenmagazin ist, ist man weit von jenen 7,1 Millionen entfernt, die das Magazin im November 1972 noch an den Mann brachte.

Und trotzdem hält sich der Mythos „Playboy“ weiter aufrecht, ein Mythos, den Hugh Hefner gerne selbst zelebriert. Zeitweise mit bis zu sieben Frauen auf seinem Anwesen „Playboy-Mansion“ zusammenlebend, verkündete er nun, wieder zu heiraten. Seine Verlobte Crystal Harris, „Playmate Dezember 2009“, ist mit 24 Jahren gut ein Viertel so alt wie Hefner. Als Frauenheld kennt man ihn und doch betrachtete er sich immer mit einem gewissen Augenzwinkern und Selbstironie, stets seinem Hedonismus treu bleibend. Inszeniert, wie die aufwändigen Akt-Fotos in seinem Magazin. „Das Unternehmen Playboy war von Anfang an eine Projektion meiner Träume und Phantasien. Irgendwann bin ich dann zur lebenden Verkörperung dieser Idee geworden. Und ich gebe mein Bestes, diese Rolle auszufüllen.“, sagte Hefner einmal gegenüber dem „Spiegel“.

Er ist damit längst selbst eine Institution und ein Produkt seiner selbst. In einer Umfrage nennen US-Amerikaner ihn im selben Atemzug mit Benjamin Franklin und Walt Disney. Den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär verkörpert Hugh Hefner wie kein anderer vor ihm. Die Strahlkraft von einem, der nicht als Lebemann geboren wurde, sondern sich selbst dazu machte. Happy Birthday!